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Nachhaltig digitalisiert

Interview mit Prof. Michael Kuhndt über neue Geschäftsmodelle an der Schnittstelle von Digitalisierung, Nachhaltigkeit und Ressourceneffizienz.

Welches Potenzial räumen sie der Energieeffizienz und der Digitalisierung im Kontext der Nachhaltigkeit ein?
Zunächst einmal: Die Digitalisierung bringt Transparenz. Diese Transparenz ist Grundvoraussetzung für das Wissen über Energie. Also: Wo brauche ich Energie? Was ist an Energie in meine Produkte geflossen? Wie kann ich die Kreisläufe schließen und damit Ressourcen erhalten? Hier kommen wir also sehr schnell auf die Notierung der Circular Economy. Wichtig ist es ja auch zu sehen, dass ein Energieeffizienzthema alleine betrachtet – also in der Nutzenphase eines Produkts – nur ein Aspekt ist. Aber wenn ich die Energieeffizienz im Kontext der Kreislaufwirtschaft sehe, dann habe ich eine direkte Schnittstelle zur Digitalisierung. Also wenn ich den Energieverbrauch möglichst effizient halten möchte, muss ich mit Rohstoffen effizient umgehen. Das heißt, ich muss einen Kreislauf führen. Sonst muss ich z. B. das Aluminium zehnmal produzieren, so kann ich das Aluminium im Kreislauf führen, habe es einmal produziert und kann es dann weiterverarbeiten. Und genau dazu brauche ich die Digitalisierung. Ich muss Transparenz haben: Wo sind die Warenströme? Wo geht es hin? Wo kommt das her? Was genau steckt in den Materialien, die ich z. B. weiterverarbeite? Kann ich das wieder verwerten? Da entstehen momentan mannigfaltig neue Geschäftsmodelle.

Auf der gleichen Grundlage, der Mehrfachnutzung von Resourcen, setzt die Sharing Economy an. Ohne die Digitalisierung wäre so ein Konzept nicht denkbar. Spielt diese spezielle Form von Teilen in Ihrem Beratungsalltag eine Rolle?
Ja, sie spielt eine Rolle. Wir sehen hier ein immer stärkeres Wachstum. Für das Weltwirtschaftsforum haben wir eine Studie zu dem Thema gemacht und sind damit auch auf dem Economic Forum in Davos aufgetreten. Speziell die großen Unternehmen – die diese Studie auch bei uns angefragt haben – sehen die Sharing Economy als „Emerging Trend“, also es wächst, es entsteht, genauso wie die Digitalisierung.

Prof. Michael Kuhndt, CSP Centre gGmbH

Nutzen Unternehmen explizit Konzepte wie die Sharing Economy, wenn sie neue Geschäftsmodelle generieren?
Die Frage ist ja, wie sieht unsere Zukunftsgesellschaft aus? Vielmehr: Wie wollen wir, dass unsere Zukunftsgesellschaft aussieht? Fakt ist: Produkte werden künftig eine untergeordnete Rolle spielen. Die Zukunft des Produkts liegt in der „Subscription-Economy“. Es geht darum, dass man ein Produkt als Dienstleistung versteht. Es entsteht ein Produkt-Dienstleistungs-System. Schauen sie sich Philips an, die sagen: Wir stellen nicht mehr die Lampe her, sondern wir verkaufen Licht, wir verkaufen Helligkeit. Das Geschäftsmodell dazu sieht so aus: Unternehmen kommen zu Philips und sagen: „Kommt doch bitte in unser Büro herein und stellt sicher, dass die Dienstleistung ‚ausgeleuchtete Arbeitsplätze‘ sichergestellt wird.“ Wir als Kunden wollen gar nicht die Produkte selbst kaufen. Diese Entwicklung ist hochinteressant. Es geht also weg vom Besitzen hin zum Nutzen. Übrigens eine Entwicklung, die die Digitalisierung hervorgebracht hat. Genau dieser Gedanke steckt auch hinter der Sharing Economy: Muss ich alles, was ich nutzen will, auch besitzen? Das heißt, wenn wir konkret mit Unternehmen arbeiten, ist das genau auch ein Aspekt unserer Zusammenarbeit, über den die Unternehmen dann auch sprechen wollen. Egal ob Tourismusbranche oder Textilien … Muss man Textilien zum Beispiel immer wieder neu kaufen? Oder könnte man auch sagen: Weil sich der Geschmack, das eigene Gewicht oder Lebensumstände geändert haben, geben wir Textilien fortan eine „Nutzenphase“? Nicht nur wir bringen ein solches Thema an, sondern eben auch konkrete Nachfragen von Großunternehmen, auch vom Handel. Ein weiteres Beispiel aus der Möbelbranche: Möbel, muss ich die immer verkaufen …? Täte es meinem Geschäft nicht viel besser, wenn ich das tatsächlich nur nutzen lasse und ich bekomme es dann wieder zurück? Nebeneffekt: So habe ich für zukünftige Produkte und Weiterentwicklungen gleichzeitig meine Ressourcen im Kreislauf und spare effektiv beim Einkauf.

Geht der Trend also in Richtung „Product as a Service“?
Genau, das ist es. Nicht alles besitzen, aber jederzeit alles nutzen. Das geht natürlich auch wieder einher mit der Digitalisierung. Als Konsument habe ich die mit dem Smartphone ja quasi in der Hand.

Welche Weichen sollten Ihrer Meinung nach jetzt in Politik und Wirtschaft gestellt werden?
Ich denke, das Thema Digitalisierung ist in der Politik angekommen, alle Bundesländer und die Regierung beschäftigen sich damit. Auch die Kommunen diskutieren über diese Themen. Womit sich die Politik beschäftigen muss, sind die Rahmenbedingungen. Treffen Konzepte wie Sharing Economy, Circular Economy oder Subscription-Economy oder hierauf basierende, neue Geschäftsmodelle auf Rahmenbedingungen, die mit ihnen vereinbar sind? Die große Sorge meinerseits besteht darin, dass wir Teile der Gesellschaft von der Digitalisierung entkoppeln: Geschäftsmodelle und auch die sogenannten „Digital Natives“ verändern sich viel schneller als Politik und andere Teile der Gesellschaft es überhaupt können. Nehmen Sie Uber: Hier steht ein Bedürfnis nach Mobilität einer ganzen Branche entgegen, die von ihrem Beruf auch leben können will – und soll. Dafür werden „Sub-Systeme“ immer interessanter. „Spielwiesen auf Stadtebene“, um neue Geschäftsmodelle wie z. B. Energieeffizienz, Smart Home und IoT gemeinsam mit dem Bürger „auszuprobieren“. Dafür brauchen wir einen rechtlichen Rahmen.

Man bräuchte Regelungen für Modell-Städte oder Modell-Viertel?
Genau richtig. So kann man auch die Akzeptanz-Probleme quasi in kleinen Labs, in kleinen Systemen, beseitigen helfen. Erkennen die Menschen den Nutzwert einer Neuerung, wie etwa der „Smart City“, dann lässt sich das auch schnell auf Bundesebene skalieren. Hier muss die Politik dringend Regeln finden.

Der Text ist unter der Lizenz CC BY-SA 3.0 DE verfügbar.
Lizenzbestimmungen: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/


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Digitalisierung und Nachhaltigkeit bieten viele Optionen

von Bernward Janzing

Es gibt viele Möglichkeiten, mit Algorithmen Abläufe in Wirtschaft und Gesellschaft im Sinne einer effizienten Ressourcennutzung zu optimieren: Energieverbraucher, die bedarfsgerecht gesteuert werden, sind ein bekanntes Beispiel. Ein weiteres ist eine ausgeklügelte Transportlogistik, die Ladekapazitäten von Fahrzeugen optimal ausnutzt oder durch regionale Belieferung der Kunden Ferntransporte von Waren sogar vermindert. Ein wichtiges Feld ist außerdem die gemeinsame Nutzung von Gütern, die heute mit dem Begriff der „Sharing Economy“ umschrieben wird. Sie lässt sich durch den Einsatz digitaler Systeme optimieren, weil Anbieter und Interessenten von Gütern oder Dienstleistungen schneller zusammenfinden können.

Mit dem Aufbau der Internetkommunikation und der anschließenden Marktdurchdringung mobiler Geräte war der Einzug der Digitalisierung in unternehmerische Prozesse nur eine logische Folge. Dienstleistungen, die zuvor in der analogen Welt zwar schon angeboten wurden, aber oft einigen zeitlichen Vorlauf brauchten (zum Beispiel Mitfahrzentralen oder Car-Sharing), werden nun in der digitalen Welt per App optimiert und quasi in Echtzeit angeboten. Die Kundenzahlen nehmen seither deutlich zu.

Somit kommen mit der fortschreitenden Digitalisierung erhebliche Veränderungen auf die Gesellschaft zu. Doch so sehr die neuen Angebote den Menschen manches erleichtern, so sehr haben sie auch eine andere Seite, mit der sich die Gesellschaft beschäftigen muss und wird. Die neuen Angebote werden zum Beispiel immer mehr persönliche Daten nutzen. Manche werden auch Bewegungsprofile erstellen, wieder andere Lebensgewohnheiten erfassen, wie es zum Beispiel mit dem elektronischen Stromzähler („Smart Meter“) möglich ist. Allenthalben entstehen somit Daten, die den persönlichen Tagesablauf und die Gewohnheiten in mehr oder weniger großen Teilen abbilden können.

Entsprechend gibt es in der öffentlichen Debatte natürlich auch viele Aspekte, die bei den Bürgern auf Vorbehalte stoßen und mit denen sich Industrie und Politik auseinandersetzen müssen. Zum einen ist das die Datensicherheit aus IT-Sicht: Sind die Systeme ausreichend gegen Hacker geschützt? Vor allem dort, wo es um vitale Strukturen der Gesellschaft geht (zum Beispiel in der Stromversorgung), müssen Cyber-Angriffe absolut ausgeschlossen werden. Zum zweiten sind die Ängste der Menschen ernst zu nehmen, die sich durch ihre zunehmend erhobenen persönlichen Daten, wie Bewegungsprofile und Kommunikation, allzu gläsern fühlen. Eine Datenaggregation, die am Ende keine Rückschlüsse auf die einzelne Person mehr ermöglicht, kann die Akzeptanz deutlich erhöhen.
Und drittens fürchten Bürger zumindest in einigen Lebensbereichen auch eine „Entmündigung“ durch die Algorithmen und die neuen Abhängigkeiten von der Technik. So ist die Vorstellung, das Auto werde künftig von einem Computer gelenkt, für viele Menschen heute noch gewöhnungsbedürftig. Kritisch zu hinterfragen ist bei allen Ansätzen zugleich auch immer, in welchen Einsatzgebieten der technische Aufwand sowohl aus wirtschaftlichen wie auch aus ressourcenökonomischen Gründen gerechtfertigt ist. Denn der Aufbau einer digitalen Infrastruktur kostet natürlich erst einmal Geld, und er braucht durch die Fertigung der elektronischen Komponenten auch erst einmal Ressourcen. Manche Ansätze der Digitalisierung im Wohnumfeld – etwa die Waschmaschine, die bei günstigen Strompreisen startet – haben sich bisher nicht durchsetzen können, weil die Wirtschaftlichkeit für die Konsumenten nicht gegeben war.
Nur dort, wo der spätere Vorteil die anfänglichen Investitionen tatsächlich überwiegt, wird im Sinne der Nachhaltigkeit künftig ein Gewinn zu erzielen sein. Diese Ansätze zu finden, stellt die Herausforderung der Zukunft dar.

Virtual & Augmented Reality

Postdigitale Transformation: Augmented und Virtual Reality – wenn Devices unser aller zweite Haut werden

Computergenerierte interaktive Simulationen mittels kleiner Devices in unserem Leben eröffnen schier unendliche Potenziale an Möglichkeiten, um die Welt neu zu erfahren. Technologische Entwicklungen, die es uns jetzt schon erlauben, die Wirklichkeit zunehmend zu virtualisieren, sind vorhanden. Schon jetzt lässt sich erahnen, welche Änderungen auf uns zukommen. Die Art, wie wir miteinander interagieren und wie wir die Welt wahrnehmen werden, wird nicht mehr dieselbe sein.

Was ist Augmented Reality?
Unter „Augmented Reality“ (kurz AR), also erweiterte Realität, versteht man die computergestützte Erweiterung der Realitätswahrnehmung. Diese Informationen können alle menschlichen Sinnesmodalitäten ansprechen.  Häufig wird jedoch unter erweiterter Realität nur die visuelle Darstellung von Informationen verstanden, also die Ergänzung von Bildern oder Videos mit computergenerierten Zusatzinformationen oder virtuellen Objekten mittels Einblendung/Überlagerung. Bei Fußball-Übertragungen ist erweiterte Realität beispielsweise das Einblenden von Entfernungen bei Freistößen mithilfe eines Kreises oder einer Linie. (Wikipedia – Erweiterte Realität)

Im „Realitäts-Virtualitäts-Kontinuum“ (nach Paul Milgram et al., 1994) sind die erweiterte Realität („Augmented Reality“) und erweiterte Virtualität („Augmented Virtuality“) Teil der sogenannten gemischten Realität („Mixed Reality“). Während der Begriff Augmented Virtuality kaum benutzt wird, werden Augmented Reality und Mixed Reality, selten auch Enhanced Reality, meist synonym verwendet.
Im Gegensatz zur virtuellen Realität (kurz VR), bei welcher der Benutzer komplett in eine virtuelle Welt eintaucht, steht bei der erweiterten Realität die Darstellung zusätzlicher Informationen im Vordergrund. Virtuelle Realität und die Realität werden also miteinander kombiniert oder teilweise überlagert. Interaktivität in Echtzeit, in der reale und virtuelle Objekte dreidimensional zueinander in Bezug stehen. Diese Definition umfasst jedoch nur technische Merkmale und beschränkt sich dabei auf einen Teilaspekt von AR.

Andere Arbeiten definieren AR als eine Ausweitung der Sinneswahrnehmung des Menschen durch Sensoren um Umgebungseigenschaften, die der Mensch selbst nicht wahrnehmen kann, wie z. B. Radar, Infrarot und Distanzbilder. Menschliche Eigenschaften können damit durch AR verstärkt oder gar ergänzt werden.
Allein die visuelle Modalität bedeutet eine nicht unwesentliche komplexe Herausforderung an die Positionsbestimmung (Tracking) und Kalibrierung. Um eine Augmented-Reality-Anwendung aufzubauen, benötigt es AR-Systeme (kurz ARS), die sich aus technischen Bestandteilen, wie z. B. Kamera, Trackinggeräte, Unterstützungssoftware usw. zusammensetzen. VR und AR sind weit mehr als nur ein Hype. Erkennen lässt sich dies nicht nur an ernst zu nehmenden Hardware-Entwicklungen / Devices für AR-Systeme, wie Facebooks Oculus Rift, HTC VIVE und Microsofts HoloLens, die mittlerweile durchaus massentauglich sind. Auch geistiges Eigentum wird sich einverleibt.

Erst jüngst wurden spannende Investitionen von Giganten wie Google, Facebook oder Apple getätigt, wie bspw. im Falle von MagicLeap. Die großen Player am Markt bereiten sich offensichtlich auf eine Zukunft mit AR vor. Viele Argumente sprechen zudem  für den Einsatz und das Wachstumspotenzial dieser neuen Technologien: Kostenersparnisse, Qualitätssteigerungen, Sicherheit.

VR- und AR-Technologien haben einen großen Einfluss – nicht nur auf unsere zukünftigen Lebens- und Arbeitswelten. Bereits eingesetzte VR- und AR-Anwendungen lassen dies jetzt schon erkennen. Pick-by-Prozesse in der Logistik und Produktpräsentationen im B-to-C Handel  werden schon sinnvoll optimiert und teils völlig verändert.

Begriffserklärung

Am besten veranschaulicht man sich diese abstrakten Begriffe an konkreten Beispielen:
Reine Realität ist ein Mensch, der zum Einkaufen in den Supermarkt geht.
Erweiterte Realität sind Brillengläser, auf deren Innenseite ein Computer den Einkaufszettel des Benutzers projiziert; und zwar so, dass beim Benutzer der Eindruck entsteht, der Einkaufszettel sei an die Wand des Supermarktes angeschrieben. Die Wirklichkeit wird hier um virtuelle Informationen angereichert.
Erweiterte Virtualität ist ein Computerspiel, das über einen VR-Helm gespielt wird und das die Türsprechanlage auf die Kopfhörer überträgt, wenn es an der Tür klingelt. Die Virtualität wird hier um reelle Informationen angereichert.
Virtuelle Realität ist ein Computerspiel, das über einen VR-Helm gespielt wird und nicht auf die reale Außenwelt des Benutzers reagiert.
(Quelle: Wikipedia„Mixed Reality“)

Mobile Economy

Ortsungebunden und immer erreichbar. Smartphones und Tablets stellen den „Arbeitsplatz“ in Frage und ermöglichen neue flexible Arbeitsweisen.

von Brigitte Kasper

Die Initialzündung für „Mobile“ kam sicherlich durch die Einführung von iPhone und iPad. Mit einem Mal genügte es nicht mehr, mit dem Handy nur zu telefonieren und ein paar SMS zu versenden. Zwar konnte man mit den damaligen mobilen Geräten auch schon z. B. Musik hören, fotografieren und E-Mails empfangen und versenden, jedoch geschah das noch mehr oder weniger halbherzig bzw. war auf nicht allzu viele geschäftliche Nutzer begrenzt. Mit den neuen Prestigeobjekten, die zudem durch eine neuartige Bedienung glänzten, eröffnete sich ihren Nutzern so nach und nach die Welt der Applikationen (Apps), d. h., von kleinen, auf dem Gerät gespeicherten oder ladbaren Programmen, über die man sich – zum Teil spielerisch – immer neue Anwendungen, Nutzen und Mehrwerte erschloss. Andere Hersteller zogen mit den sogenannten Smartphones und Tablet-PCs nach, für die nun ihrerseits ein kaum noch zu überblickendes App-Universum entstand.

Mittlerweile geht es nicht mehr ohne. Mobile ist zu einem gesamtgesellschaftlichen Phänomen geworden – sowohl privat als auch im Business. Mancherorts heißt es nicht mehr „Mobile First“, sondern „Mobile Only“. Es wird mobil gelebt, gespielt, gearbeitet, gelernt, eingekauft, bezahlt und Geld überwiesen. Kaum ein Unternehmensbereich oder eine Branche kommt noch ohne mobile Arbeitsmittel aus, sei es im Vertrieb, in der Kundenberatung oder im Außendienst, in der Logistik oder im Handwerk. Moderne Apps machen es möglich, von überall her z. B. auf weiterführende Informationen oder Unternehmens- und Kundendaten zuzugreifen, um so die Kundengespräche oder auch Finanzberatungen durch aktuelle Fakten untermauern zu können. Oder vor Ort gewonnene Messdaten via App und Mobilfunk in den Unternehmensserver zu senden, um sie dort zu speichern und auszuwerten.

Die Zahlen sprechen für sich: Laut dem aktuellen Ericsson-Mobility-Report wird die Anzahl der Smartphone-Verträge 2016 weltweit auf 3,9 Mrd. steigen. Nahezu 90 % der Kunden werden dann die schnellen WCDMS/HSPA- und LTE-Netze nutzen. In Deutschland werden insgesamt voraussichtlich 27,9 Mio. Geräte über den Ladentisch gehen, so die Prognose des Digitalverbands Bitkom. 76 % aller Bundesbürger ab 14 und bis 69 Jahre nutzen bereits ein Smartphone und mit ihm auch das mobile Internet. Das Tablet hingegen läuft langsam Laptop und Notebook den Rang ab.

Nach ihrem Siegeszug im Privaten krempeln Smartphone und Tablet nun die Arbeitswelt um und ermöglichen neue Arbeitsweisen – losgelöst von Raum und Zeit. Wie aus dem aktuellen „Adobe Enterprise Mobile Survey“ hervorgeht, setzen 75 % der hiesigen Firmen inzwischen Enterprise-Mobile-Apps für tägliche Arbeiten ein, beispielsweise für eine verbesserte Kommunikation der Mitarbeiter untereinander, mit Kunden oder auch in Sales-Prozessen – auch von unterwegs und außerhalb der „normalen“ Arbeitszeiten. Vertrieb, Marketing, Kundenberatung usw. werden sich in einem Maß den mobilen Möglichkeiten anpassen müssen, das heute noch gar nicht abzuschätzen ist. So wie die Kunden jederzeit, überall und flexibel erreichbar sind, erwarten sie es auch von ihren Geschäftspartnern. Starre und archaische Hierarchien, bislang erfolgreiche Geschäftsmodelle und Märkte sowie bestehende Wertschöpfungsketten müssen hinterfragt und gegebenenfalls aufgebrochen werden. Neue Denkweisen und Geschäftsmodelle müssen her. Nicht umsonst fordert der VDE mehr „Californian Spirit“ statt „German Angst“. Er sieht die Digitalisierung als Feuerprobe für Deutschland 4.0. Kaum auszudenken, würde man hier den Anschluss an die USA und Asien verlieren.

Business-Design für den digitalen Wandel

von Elmar Nathe

Die digitale Transformation erfordert vom Topmanagement eines Unternehmens das grundlegende Überdenken des etablier­ten Geschäftsmodells und die Neuausrichtung der Geschäftsorganisation. Neue Geschäfts­chancen, die durch die Digitalisierung erst ermöglicht werden, müssen erst verstanden und auf ihre Relevanz zur Erneuerung des Geschäftsmodells geprüft werden. Digitalisierung verzahnt Business und IT unmittelbar. Jede Neuaus­rich­tung löst sofort eine entsprechende Änderung in der IT aus. Auch wenn IT-Trends wie z. B. „Internet of Things“ sicher die Weichensteller der digitalen Geschäftsmodelle sind, sollten Unternehmen beim Entwurf ihrer digitalen Strategie an den Nutzen für ihre Kunden denken. Startpunkt sind also die – wahrscheinlich schon – bekannten Probleme der Kunden. Ein tieferes Verständnis zu entwickeln, worin der Kern des Problems eigentlich besteht und welche Ansätze diese lösen können. Mögliche Fragestellungen sind:

  • Was sind die aktuellen Herausforderungen unserer Kunden in ihren Märkten?
  • Wie können digitale Technologien unsere Produkte bzw. Services verbessern?
  • Wie können unsere Kunden enger an uns gebunden werden?

Doch wie kann effektiv eine digitale Strategie entwickelt und umgesetzt werden? Das wird am Beispiel eines Maschinenbauers dargestellt. Dieser möchte sein herkömmliches, auf der Konstruktion, Produktion und Lieferung von Spezialmaschinen beruhendes Geschäftsmodell erweitern. Hierfür sollen Technologien aus der Industrie 4.0 wie z. B. Sensoren, RFID und Big Data genutzt werden.

Zur digitalen Strategie mit vier Management-Werkzeugen

Die pragmatische, lösungsorientierte Kopplung von Business und IT ist im Rahmen der digitalen Transformation wichtig. Hierfür bietet es sich als Unternehmen an, folgende Elemente auszuarbeiten:

  • Customer-Journey-Mapping
  • Geschäftsfähigkeiten-Landkarte
  • Value-Proposition
  • Lean Start-up.

Potenziale aus der Kundensicht entdecken

Elmar Nathe

Customer-Journeys stellen die Reise des Kunden bei der Interaktion mit dem Unternehmen dar. Dadurch lassen sich Potenziale und Ansatzpunkte aus Kundensicht entdecken. Hierbei ist es entscheidend, sich auf die Darstellung der Herausforderungen und der Erwartungshaltung der Kunden zu konzentrieren. Die IT kommt erst ins Spiel, wenn es darum geht, wie die identifizierten Probleme gelöst werden können. Als Best Practice hat es sich herausgestellt, dass aus den Customer-Journeys Geschäftsfähigkeiten abgeleitet werden, die das Unternehmen aufbauen muss, um die Kundenbedürfnisse besser bedienen zu können.
Bei dem Maschinenbauer beginnt die Customer-Journey des Kunden bei der Planung der neuen Maschinen und bildet anschließend den Kauf, Betrieb und die Instandhaltung der Anlage bis zur Ersetzung dieser ab. Bzgl. der Instandhaltung könnte erkannt werden, dass es strategisch entscheidend ist, über Geschäftsfähigkeiten zu verfügen, die dem Kunden helfen, die Maschinenlaufzeiten und die -auslastung zu erhöhen.

Nutzen für den Stakeholder herausarbeiten

Ob eine solche Geschäftsfähigkeit das Potenzial hat, ein neues Geschäftsmodell zu tragen, kann über einen „Business Model Canvas“ (BMC) pragmatisch beschrieben werden. Zentral für den BMC ist das Konzept der Value-Proposition (dt.: Leistungsversprechen). Auf dieser Ebene werden noch nicht die konkreten digitalen Services beschrieben, sondern welcher Wert bzw. Nutzen für den Stakeholder erzeugt werden soll.
Im Kontext einer digitalen Strategie sind Customer-Journeys und die abgeleiteten Geschäftsfähigkeiten ein guter Ausgangspunkt, um eine griffige Value-Proposition für eine Gesamtstrategie zu bilden. So ergibt sich insgesamt ein verständliches Zielbild der digitalen Transformation des Unternehmens. Der Maschinenbauer könnte sich für die Zukunft entscheiden, sich mithilfe von Nutzungsdaten aus der IT und von neu entworfenen Serviceprozessen vom reinen Maschinenlieferanten hin zum Managed-Service-Provider zu entwickeln, der dem Kunden hilft, die Maschinenlaufzeiten und -auslastung zu optimieren.

Kernfunktionalitäten werden im MVP abgebildet

Nach Customer-Journey, Geschäftsfähigkeiten und definierten Value-Propositions kommt die Feinarbeit! Jetzt gilt es, konkret die einzelnen, neuen Geschäftsfähigkeiten zu detaillieren und in IT-Produkte umzusetzen. Business und IT arbeiten hier Hand in Hand zusammen, um iterativ und möglichst schnell das Produkt auf den Markt zu bringen. Nach dem Lean-Start­up-Ansatz wird zuerst ein „Minimum Viable Product“ (MVP) entwickelt. Das MVP enthält nur die Kernfunktionalitäten, die den primären Nutzen für den Kunden generieren sollen. Das MVP wird schnellstmöglich auf den „Markt“ gebracht, um zu evaluieren, wie die neue Produktidee basierend auf der Value-Proposition tatsächlich bei den Kunden ankommt.

Der Maschinenbauer könnte in ersten Workshops gemeinsam mit ausgewählten Pilotkunden die Hauptursachen für Maschinenausfälle ermitteln und sich in einem MVP auf diese fokussieren. Hierfür wird ein erster Prozess entworfen, mit dem die Betriebsdaten der Maschinen analysiert und Muster erkannt werden können, die auf ein technisches Problem hindeuten. In einem iterativen Prozess können dann mit den Kunden Serviceprozesse und die zugrunde liegenden IT-Systeme weiterentwickelt und verfeinert werden, bis das neue Geschäftsmodell Managed-Service-Provider tragfähig und profitabel ist.
Werden die Schritte systematisch durchgeführt, wird so eine zukunftsträchtige digitale Strategie für das Unternehmen entwickelt. Kreative, innovationsfördernde Methoden und iterative, auf schnellem Kundenfeedback beruhende Ansätze für das Business-Development lassen auch in etablierten Unternehmen die notwendige Start-up-Mentalität einziehen.

Kernaussagen

Die Digitalisierung eröffnet neue Geschäftschancen. Diese müssen ergebnisoffen in interdisziplinären Teams diskutiert und ausgearbeitet werden.
Bei der anschließenden Ausarbeitung der digitalen Strategie wird der Kunde in den Mittelpunkt gestellt.
Vier Management-Werkzeuge erleichtern die Ausarbeitung der digitalen Strategie:

  • Customer-Journey-Mapping
  • Geschäftsfähigkeiten-Landkarte
  • Value-Proposition
  • Lean-Start-up.

 

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Cloud-Computing

Dezentral, flexibel und günstig – Cloud-Computing erobert mit hoher Skalierbarkeit bei niedrigen Kosten immer mehr deutsche Unternehmen.

von Andreas Fuhrich

Unter Cloud Computing versteht man die Ausführung von Programmen, die nicht auf dem lokalen Rechner installiert sind, sondern auf einem anderen Rechner, der aus der Ferne aufgerufen wird. Technischer formuliert umschreibt das Cloud Computing den Ansatz, IT-Infrastrukturen (z. B. Rechenkapazität, Datenspeicher, Datensicherheit, Netzkapazitäten oder auch fertige Software) über ein Netz zur Verfügung zu stellen, ohne dass diese auf dem lokalen Rechner installiert sein müssen. Angebot und Nutzung dieser Dienstleistungen erfolgen dabei ausschließlich über technische Schnittstellen und Protokolle sowie über Browser. Die Spannweite der im Rahmen des Cloud-Computings angebotenen Dienstleistungen umfasst das gesamte Spektrum der Informationstechnik und beinhaltet unter anderem Plattformen, Software und Infrastruktur wie z. B. Rechenleistung oder Speicherplatz.  Die Möglichkeit online seine Mails abzurufen oder seine Urlaubsfotos in sozialen Netzwerken zur Schau zu stellen waren zwar schon erste Cloud-Angebote, doch der Begriff setzte sich erst durch die Möglichkeiten der Virtualisierung durch.

Die häufigste Virtualisierungsmethode nutzt sogenannte Hypervisoren, die den simultanen Betrieb mehrerer Gastsysteme auf einem Hostsystem erlauben. Der Hypervisor verwaltet die Ressourcenzuteilung für einzelne Gastsysteme. Er verteilt die Hardware-Ressourcen derart, dass für jedes einzelne Gastbetriebssystem alle Ressourcen bei Bedarf verfügbar sind, so, als ob nur ein Betriebssystem vorhanden wäre. Den einzelnen Gastsystemen wird dabei jeweils ein eigener kompletter Rechner mit allen Hardware-Elementen – Prozessor, Laufwerke, Arbeitsspeicher usw. – vorgespielt.

Durch den Einsatz der Virtualisierung, lässt sich die Ressourcen-Auslastung optimieren, zumal Server, die im Moment nicht benötigt werden, abgeschaltet werden können. Lokale Ressourcen und die damit verbundenen Kosten lassen sich so einsparen. Neben der Private-Cloud, deren Server sich innerhalb der eigenen Organisation befinden, kann man dabei auch auf die Services von Public-Cloud-Anbietern zurückgreifen. Diese erlauben ihren Kunden, IT-Infrastruktur auf einer flexiblen Basis des Bezahlens zu mieten, ausgerichtet am tatsächlichen Nutzungsgrad. Ein Vorteil: Auch extreme aber nur kurze Auslastungsspitzen, beispielsweise im E-Commerce-Weihnachtsgeschäft lassen sich selbst unvorhergesehen so noch besonders kostengünstig bewältigen.

Um die Wettbewerbsvorteile nutzen zu können, die durch die Inanspruchnahme dieser Dienste entstehen, ist eine schnelle Breitbandversorgung Grundvoraussetzung. Damit es keinen Unterschied mehr macht, ob Daten lokal auf einem PC oder auf entfernten Servern in einer Cloud gespeichert sind, muss der Netzausbau vorangetrieben werden.

Bedenken bzgl. der Public-Cloud-Anbieter bestehen allerdings bezüglich des Datenschutzes. So dürfen nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs nur eingeschränkt Daten in die USA gelangen. Wenn personenbezogene Daten Dritter in die Cloud gegeben werden, müssen sich deutsche Auftraggeber vorab und anschließend regelmäßig nachvollziehbar davon überzeugen, dass die Vorgaben des Bundesdatenschutzgesetzes eingehalten werden. Der Patriot Act erschwert zusätzlich das Vertrauensverhältnis zur neuen Welt – Unternehmen mit Sitz in den USA sind dazu gezwungen, Daten an amerikanische Behörden auszuliefern, selbst wenn sich die Server im fremden Hoheitsbereich befinden.

Smart, jetzt wirklich?

Manch „smartes“ Gerät sieht schnell unsmart aus, wenn wichtige Regeln wie Datenschutz, Sicherheit und Nutzererwartungen nicht erfüllt werden.

von Oliver Sucker

Die fortschreitende Digitalisierung eröffnet neue Wege und Techniken in allen Bereichen des täglichen Lebens, birgt aber auch Herausforderungen, Tücken und unerwartete Fallstricke. Nicht immer bringt die Digitalisierung nur Positives, wenn sie nicht richtig angegangen wird.
Insbesondere der Datenschutz ist ein essentieller Kernaspekt, will man das Vertrauen seiner Kunden nicht auf einen Schlag verspielen. Noch wichtiger ist in diesem Zusammenhang das allübergreifende Thema IT-Sicherheit: Ohne System- und Datensicherheit ist auch kein Datenschutz möglich.

Neben all den rechtlichen und komplexen technischen Fragen darf man aber auch die Erwartungen und Wünsche des Endanwenders nicht vergessen. Wenn es nicht gelingt, Bekanntes und Bewährtes in entsprechenden Analogien aufzugreifen, stößt man – insbesondere bei älteren oder sehr tradierten Menschen – schnell auf ein Akzeptanzproblem. „Smarte“ Geräte wie Fitnesstracker, Fernseher, Überwachungskameras und Alarmanlagen oder gar Sprachassistenten sind mehrheitlich ein Graus. Öffentlich im Internet verfügbare Gesundheitsdaten, zweifelhafte Clouds in Fernost, zu denen sich IP-Kameras verbinden, die blinde Datensammelwut mancher Hersteller oder wanzenartige, permanente Raumüberwachung machen sie zu potenziellen Feinden in unseren Büros, Wohnzimmern oder gar an unserem Körper. Die „Sicherheitskamera“ wird da schnell zum Einbruchinformationssystem; die Alarmanlage, die sich per unverschlüsseltem Funk einfach abschalten lässt, gibt nur trügerische Sicherheit. Manch „smartes“ Produkt schaut da schnell dumm aus der Wäsche.

Manche Geräte sind aber auch einfach nur ärgerlich: Erst nötigen sie uns zur Anmeldung bei eigentlich überflüssigen Cloud-Diensten, über deren Sicherheit, Seriosität und Fortexistenz wir weder Kenntnis noch Kontrolle haben. Ohne die Cloud am anderen Ende wird das Gerät wertlos. Es ist zudem auch höchst fraglich, ob alles in der Cloud gespeichert werden muss, nur weil es gerade so hipp ist.
Fast alle modernen Geräte enthalten neben der Hardware auch entsprechende Software (Firmware und ggf. Betriebssystem). Diese enthält generell Fehler, linear abhängig von der Komplexität des Produkts, der Kompetenz, Sorgfalt und Kultur der Entwickler sowie dem Reifegrad des Produkts. Selbst in reifen Softwareprodukten tauchen regelmäßig Fehler auf, mitunter sicherheitsrelevante.

Sicherheitslücken müssen also durch regelmäßige Produktpflege beseitigt werden, anderenfalls wird das Produkt tendenziell immer anfälliger. Das tückische dabei ist, dass der Endanwender sicherheitsrelevante Fehler – im Gegensatz zu funktionalen Mängeln – nicht selbst erkennen kann; ein ansonsten wunderbar funktionierendes Produkt kann gespickt sein mit Sicherheitslücken.
Was ist also mit dem noch prima funktionierenden Smartphone, für das der Hersteller keine Sicherheitsupdates (mehr) liefert, wie es am PC selbstverständlich ist? Wegschmeißen oder einfach darauf hoffen, dass unsere privaten Daten schon nicht gestohlen werden, obwohl unsere Haustür sperrangelweit offen steht?

Dann ist da noch der Aspekt der Benutzerfreundlichkeit: „Smarte“ Telefone haben das Telefonieren in den Augen nicht weniger Menschen schwieriger, de facto zumindest aber umständlicher gemacht. Uhren sind gar so smart geworden, dass sie vor lauter Kraft nicht mal 24 Stunden ohne Nachladen durchhalten. Die elektronische Internetbriefmarke sieht nicht nur nicht mehr schön aus, der früher oftmals nützliche Poststempel mit dem Einlieferungsdatum fällt auch ersatzlos weg. Ein jahrzehntelang funktionierender Prozess ist so zumindest teilweise ruiniert.

All diese Probleme lassen sich durch solides Know-how und guten Willen lösen; dies wäre auch ein wesentlicher Beitrag, bestehende Akzeptanzprobleme abzubauen und die digitale Spaltung der Gesellschaft abzuwenden. Derzeit ist jedoch eher ein gegenteiliger Trend zu erkennen. Zum bekannten Abfallhaufen aus kaputten Zahlungssystemen, Zertifikatsinfrastrukturen, Mobilfunktechnologien, Routern und anderen Embedded-Geräten kommt nun u. a. noch Industrie 4.0 und das „Internet of Things“ (IoT), ob im Smart Home, vernetzten Fahrzeugen oder der Smart City.
Dass die Geräte immer stärker vernetzt sind, ist aus Anwendersicht Segen und Fluch zugleich: Die Geräte werden dadurch immer angreifbarer, ebenso kann zum Beispiel das Nutzungsverhalten ausgespäht werden. Es gilt also stets abzuwägen, ob weitere Vernetzung mehr Chancen oder mehr Risiken birgt. Gleichzeitig gilt es, Risiken zu minimieren und auch die Datenverarbeitung auf das zu beschränken, was für die Funktionalität tatsächlich nötig ist – auch wenn Unmengen an Statistiken über die eigenen Kunden manche Begehrlichkeiten wecken. Nur wenn der Anwender genau weiß, welche Daten erhoben werden und wofür, bleibt das böse Erwachen am Tag X aus.

Hersteller sollten Sicherheit und Datenschutz nicht als notwendiges Übel, sondern als solide Basis jeden digitalen Handelns verstehen. Patzer können ein Produkt oder gar ein ganzes Unternehmen in den Abgrund reißen; „Digitale Abgasskandale“ sind unter allen Umständen zu vermeiden. Diese Kernaspekte müssen dazu von Anfang an in Design und Entwicklung berücksichtigt und im Rahmen der Continous Delivery/Continous Integration oder in jedem Release permanent geprüft werden, auch die etwaigen Backend-Systeme. Penetrationstests und Audits sind hier auch in einem hohen Maße automatisierbar, sodass Aufwand und Kosten überschaubar bleiben.

Kernaussagen

  • Es muss nicht alles in der Cloud gespeichert werden. Es gilt, Risiken zu minimieren und die Datenverarbeitung auf das zu beschränken, was für die Funktionalität tatsächlich nötig ist.
  • Für den sicheren Umgang mit „smarten“ Produkten fehlt es den Endanwendern an Prüf- und Einflußmöglichkeiten. Hersteller, Importeure, Verbraucher- und Datenschutzorganisationen sind daher stärker als bisher gefordert, für sichere und datenschutzfreundliche Produkte zu sorgen.
  • Hersteller sollten Sicherheit und Datenschutz als solide Basis digitalen Handelns verstehen. Regelmäßige Sicherheitsupdates müssen garantiert beim Endanwender ankommen, im Ernstfall in wenigen Tagen oder sogar Stunden.

Eine ergänzende Möglichkeit, Ihr Vertrauen in die eigenen Produkte zu zeigen, ist das Ausschreiben von Kopfgeld-Zahlungen („Bug  Bounty“) an Sicherheitsforscher, die Probleme in Produkten finden und melden. Dies kann jedoch kein Ersatz für eine fachlich versierte Produktprüfung sein, da hier nicht sichergestellt ist, wie gut, wie tief und ob überhaupt jemand prüft. Ein mickriger Geldbetrag von wenigen Hundert Euro wird außer Kinderchen, die ihr Taschengeld aufbessern wollen, niemanden anlocken und auch keine detaillierte Produktprüfung ermöglichen.
Als Minimum sollte die Produkthomepage generell eine Kontaktmöglichkeit zum Melden von Sicherheitsproblemen bieten und konkrete Informationen zur Produktsicherheit und zu wichtigen Updates liefern. Dies setzt jedoch voraus, dass sich Anwender auch aktiv informieren, wovon mehrheitlich nicht ausgegangen werden kann.

Sicher sind die Produkte aber erst, wenn Updates auch beim Endanwender installiert sind. Dazu ist es also nötig, Updates entweder komplett automatisiert auszurollen oder zumindest einen Kanal zum Endanwender aufzubauen, über den wichtige Informationen kommuniziert werden können. Ein Informationsblatt zur Produktsicherheit mit nötigen Einstellungen, Empfehlungen und Informationsmöglichkeiten ist ebenfalls sehr nützlich.
Den Anwendern kann man nur anraten, obige Punkte in Bezug auf ihren Lieferanten zu prüfen bzw. prüfen zu lassen und die Produkte genauer zu hinterfragen. Ist zum Betrieb des Produkts eine Cloud erforderlich? Wie ist sie abgesichert und zertifiziert? In welcher Jurisdiktion werden die Daten gespeichert? Was passiert im Fall einer Insolvenz oder Übernahme?

Welche Daten erhebt ein Gerät und wozu? Gibt es ein unabhängiges Audit der Software? Ist der Quellcode einsehbar? Wie, wo, wie oft und wie lange gibt es Sicherheitsupdates? Monatlich automatisch sollte hier der Standard sein – bei akuten Problemen auch schneller – wie es große Firmen wie Microsoft oder Google vormachen.
Privatanwender können all dies natürlich nicht leisten: Hier sind Hersteller, Importeure und die Verbraucher- und Datenschutzorganisationen gleichermaßen mehr gefordert, den Bereich Software genauer ins Visier zu nehmen, ansonsten wird es die Politik tun müssen. So manches Produkt, das in deutsche Lande kommt, entspricht nicht den europäischen Datenschutzbestimmungen und ist in puncto Softwaresicherheit mangelhaft.

Denke digital. Denke analog. Dann agiere klug und balanciert, unter Abwägung von Nutzen, Risiken und traditionellen Erwartungen. Und immer daran denken: Nichts verschlimmbessern und vor allem nichts kaputt machen!

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Informationen zu Oliver Sucker

Neue digitale Sicherheitskultur

Sicherheit für kritische Infrastrukturen und innovative Cyber-Abwehr sind für Unternehmen und den Public Sektor gefragter denn je.

Die  Digitalisierung und Vernetzung, das Internet der Dinge, Industrie 4.0 und die zunehmende Mobility bieten Cyber-Angreifern vielfältige Möglichkeiten, Informationen auszuspähen, Geschäftsprozesse zu sabotieren oder sich unter Einsatz von Malware und damit verbundener erpresserischer Datenverschlüsselung kriminell zu bereichern.

Täglich werden rund 380 000 neue Schadprogrammvarianten entdeckt, die Anzahl von Spam-Nachrichten mit Schadsoftware im Anhang ist explosionsartig um 1 270 Prozent angestiegen. Wie Frau Merkel bemerkte, werden Cyber-Angriffe zum Alltag gehören.

Klassische Abwehrmaßnahmen reichen nicht mehr aus

Unternehmen aller Branchen,  kritische Infrastrukturen, Forschungseinrichtungen, Ver­waltung und Bürger sind es, auf die sich Angreifer mit flexibel einsetzbaren Angriffsmitteln und -methoden fokussieren. Konsequenzen aus bereits erfolgten Angriffen sind teils verheerend und verdeutlichen, wie verwundbar eine digitalisierte Gesellschaft ist.  Dieser Thematik folgend entstehen neue Anforderungen an die bestehenden Sicherheitskonzepte. Hinzu kommen die gesetzlichen Vorgaben, wie das 2015 eingeführte IT-Sicherheitsgesetz, das um Sicherheitsanforderungen an sogenannte „Kritische Infrastrukturen“ noch ergänzt wurde. Es gilt der Ansatz, ein Unternehmen so zu führen und zu kontrollieren, dass die relevanten und möglichen Risiken abgedeckt sind. Das bedeutet, diese Risiken zu identifizieren, analysieren und bewerten. Um darauf aufbauend die Erstellung eines ganzheitlichen Sicherheitskonzeptes zu ermöglichen. Das beinhaltet nicht nur die eingesetzten Technologien, sondern auch organisatorische Maßnahmen, wie Zuständigkeiten, Berechtigungen, Kontrollinstanzen oder konzeptionelle Aspekte, wie etwa Mindestanforderungen für bestimmte Sicherheitsmerkmale zu definieren.

Kritische Infrastrukturen müssen branchenspezifische Mindeststandards erfüllen, wozu insbesondere die Einführung eines ISMS zählt. Hilfestellungen gewähren die kostenfreien IT-Grundschutz-Kataloge des BSI. Eine Sammlung von Dokumenten, welche die schrittweise Einführung und Umsetzung eines ISMS erläutern. Weiterhin müssen große Unternehmen und solche der „kritischen Infrastruktur“ relevante Vorfälle, die die IT-Sicherheit betreffen, an das BSI melden.

Durch das IT-Sicherheitsgesetz wurden außerdem weitere Gesetze wie z. B. das Energiewirtschaftsgesetz geändert. Durch die Änderung des Energiewirtschaftsgesetzes werden sämtliche Strom- und Gasnetzbetreiber verpflichtet, den IT-Sicherheitskatalog der Bundesnetzagentur umzusetzen und ein ISMS einzuführen.

ISO 27001

Als Standard für Managementsysteme der Informationssicherheit hat sich die ISO-Norm 27001 zur Umsetzung und Kontrolle von gesetzlichen Vorgaben hinsichtlich Informationssicherheit und Datenschutz etabliert. Bei der Verwendung von Informationssystemen müssen proaktiv Schutzmaßnahmen und Schutzmethoden ergriffen werden, um mögliche Bedrohungen und Schwachstellen bestenfalls vorab zu verhindern oder auf ein überschaubares Risiko zu minimieren.
Die Zukunft ist vernetzt und mobil, mit immer mehr Schnittstellen zwischen Mensch, System und Maschine, national und global. Das bedeutet, dass wir ein sicheres und vertrauenswürdiges Ökosystem vom kleinsten Sensor bis zum Benutzer benötigen. Eine Absicherung der Systeme kann nur unter Einbezug sämtlicher Beteiligter, also Hersteller, Systemintegrator, Betreiber der Anlagen sowie der Öffentlichkeit, gleichermaßen gewährleistet werden.
Der Einsatz aktueller Schutzmechanismen, die Verfügbarkeit, Verbindlichkeit und Authentizität gewährleisten, wird von zunehmender Bedeutung sein. Techniken zur Verschlüsselung, Authentifizierung und Autorisierung auf Basis biometrischer Verfahren und hochleistungsfähiger Kryptografie-Methoden werden zum Standard avancieren.

Weiterführende Reportage aus TREND REPORT zum Thema

Heft 3/2015 „Vernetzte Gesellschaft“
„IoT: Beginn der Vernetzung“, Autor Chris Löwer
https://trendreport.de/iot-beginn-der-vernetzung/

Heft 2/2016 „Deutschland digital“
„Orientierung gesucht“, Dr. Ralf Magagnoli
https://trendreport.de/orientierung-gesucht/

Heft 1/2016 „Creative Companies“
„360°: Risiken immer im Blick“, Frank Romeike
https://trendreport.de/360-risiken-immer-im-blick/

Handel mit Zukunft: Customer-Centricity

Dem Kunden mithilfe digitaler Technologien Einkaufserlebnisse zu bieten, die ihm im Gedächtnis bleiben, ist die heutige Herausforderung.

von Frank Zscheile

Der Kunde ist König, diese Weisheit gilt im Handel im Grunde schon immer (den real existierenden Sozialismus einmal außen vor gelassen). Seit einiger Zeit nun erfährt sie gleichsam eine Renaissance. „Customer-Centricity“ heißt es heute, wenn Unternehmen ihre gesamte Kultur, Strategie und damit Wertschöpfungskette an den Wünschen und Bedürfnissen des Kunden ausrichten.

Dass „Customer-Centricity“ über den bloßen Begriff des „König Kunde“ hinausführt, liegt an der digitalen Transformation. Deren neue Techniken versetzen Handelsunternehmen in die Lage, Customer-Journey und Customer-Experience positiv zu beeinflussen. Wenn sie etwa die ureigenen Vorteile des stationären Geschäfts geschickt mit den Möglichkeiten der Online-Welt verknüpfen. Oder durch digitale Technologien die „echten“ Bedürfnisse ihrer Kunden auf bisher nicht gekannte Weise erschließen. Entlang von Touchpoints im Laden oder durch Online-Befragungen lässt sich die Kundenhistorie sehr engmaschig erstellen.
Customer    -Centricity bedeutet also weit mehr als bloße Neugestaltung von Sortiment, Ladenfläche oder Werbemaßnahme. Es findet im Handel vielmehr ein Kulturwandel statt, der auf den neuen Möglichkeiten der Digitalisierung basiert. Sie stellt Unternehmen vor bislang ungekannte Herausforderungen: Märkte werden transparent und schnelllebig und was heute angesagt ist, kann schon morgen überholt sein. Touchpoints entlang der Customer-Journey wollen erschlossen und bedient werden. Lokale Händler müssen sich der Konkurrenz global agierender Internetkonzerne stellen. Neue Medien, moderne Kommunikationskanäle, Internet of Things und die Methoden für Echtzeitanalysen riesiger Datenbestände kommen als Technologien zum Einsatz. Sie setzen die Trends und schaffen gleichzeitig neue Geschäftsmodelle.

Der Handel der Zukunft, er entsteht in diesem Moment! Wer hier mithalten will, muss auf die digitale Transformation setzen. Denn wie selbstverständlich tragen die Kunden ihre gestiegenen Erwartungen aus dem privaten Umfeld an den Handel heran: Eine direkte und individualisierte Kommunikation, wie sie sie aus sozialen Medien kennen; Produkte und Services, die sie jederzeit, mobil und auf einfache Art und Weise einsehen, bestellen und bewerten können – dies möchten sie bitte auch von ihrem Händler geboten bekommen. Wer agil ist und mit den passenden Methoden den Kunden ins Zentrum rückt, hat dabei die entscheidenden Erfolgsfaktoren auf seiner Seite.

Weiterführende Reportagen aus TREND REPORT

Heft 3/2015 „Vernetzte Gesellschaft“
„Handel mit Zukunft“, Autor Chris Löwer
https://trendreport.de/handel-mit-zukunft/

 

 

Heft 1/2016 „Creative Companies“
Reportage „Future Store“, Autor Chris Löwer
https://trendreport.de/future-store-handel-mit-zukunft/

 

 

Heft 3/2016 „#DigitaleTransformation“
„Future Store 2.0 – Handel mit Zukunft“,
Autor Frank Zscheile
https://trendreport.de/future-store-2-0-handel-mit-zukunft/

 

 

 

Dem Kunden mithilfe digitaler Techniken neue Kundenerlebnisse zu verschaffen, ist also die heutige Herausforderung für Handelsunternehmen. Dass dafür Kundendaten benötigt werden – und zwar je mehr, desto besser–, darin sehen Fachleute derzeit allerdings noch einen Hemmschuh bei der digitalen Transformation. Zumindest bei deutschen Unternehmen, die der internationalen Konkurrenz an dieser Stelle noch hinterherlaufen. Zwar plaudern die Menschen auf Facebook & Co. Intimes in großer Menge heraus, gleichzeitig sorgen sie sich aber um die Sicherheit und Verwertung einmal preisgegebener Daten.
Flankiert wird diese Haltung durch eine in Deutschland starke Regulierung der Datenverwendung. Da fällt es schwer, mal eben ein digitales Profil des Kunden anzulegen, um ihn besser kennenzulernen und damit bedienen zu können. Die Unternehmen wissen dies und fordern von ihren Kunden folglich weniger Daten ein, als sie für den Aufbau neuer Geschäftsmodelle eigentlich bräuchten. Bis also Systeme zur Vorhersage des Kaufverhaltens („Predictive Marketing“) nicht nur im angelsächsischen und asiatischen Raum, sondern auch hierzulande im Sinne der digitalen Transformation eingesetzt werden, braucht es wohl noch einige Zeit.

Offene Logistikplattform erhöht die Transparenz

von Geert-Jan Gorter

Regelmäßig landet die Logistik in Studien, in denen der Reifegrad der digitalen Transformation in der Wirtschaft untersucht wird, auf den hinteren Plätzen. So zeigte die Befragung „Digitale Transformation der Supply-Chain – Stand heute und in fünf Jahren” von Capgemini Consulting, dass fast die Hälfte der Logistikunternehmen in der Kommunikation mit Partnern in der Lieferkette immer noch an erster Stelle auf „traditionelle Methoden“ – wie beispielsweise Telefon, Fax und E-Mail – vertrauen. Für 75 % der befragten Führungskräfte ist die digitale Transformation der Supply-Chain zwar „wichtig“ bis „sehr wichtig“, 70 % gaben zudem an, sich bereits mit dem Thema auseinanderzusetzen. Doch mit dem Ergebnis der Bemühungen ist ein Drittel der Befragten „unzufrieden“ – und lediglich 5 % sind bereits „sehr zufrieden“.

Hindernisse für Logistik 4.0

Komplexe Dienstleisterstrukturen – wie etwa im Kombinierten Verkehr mit Speditionen, Eisenbahnen, Reedereien, Terminalbetreibern, Instandhaltern und Verladern – erschweren Abstimmungen und damit das Management arbeitsteiliger Prozesse. Hinzu kommt, dass in die Supply-Chain eingebundene Unternehmen in der Regel über eigene, historisch gewachsene IT-Landschaften verfügen, die einen ungehinderten horizontalen und vertikalen Informationsfluss im Sinne einer Logistik 4.0 nach allgemeiner Auffassung nicht zulassen. Dabei ist gerade die Logistikbranche mit ihren vielen manuellen Prozessen prädestiniert für enorme Fortschritte durch digitale Innovationen.

Fallbeispiel DB Cargo BTT

Die Digitalisierung erfolgreich in Angriff genommen
Die DB Cargo BTT ist auf den Transport von Chemie-, Mineralöl- und Düngemitteltransporten im Kombinierten Verkehr und im Wagenladungsverkehr spezialisiert. Sie organisiert den Hauptlauf auf der Schiene, den Umschlag im Terminal und den Vor- und Nachlauf auf der Straße für alle europäischen Relationen. Mithilfe von catkin wurde innerhalb von nur vier Wochen für die internationalen Aluminiumverkehre des Unternehmens eine Vernetzung der beteiligten Partner in der Transportkette realisiert. Trotz des komplexen Verkehrskonzepts mit einer Vielzahl von Akteuren über unterschiedliche Transportmittel, Zeitzonen und Sprachen hinweg, gibt es nun die völlige Transparenz in Echtzeit. Etwa über den Auftragsstatus, die eingesetzten Transporteinheiten und schadhaftes Equipment.

Flexible Prozessplattform

Das cloudbasierte Logistikportal catkin vernetzt Kunden und Dienstleister über frei konfigurierbare Aufträge. Es ermöglicht so eine systemunabhängige, unternehmensübergreifende und zugleich standardisierte Kommunikation und unterstützt das Management von mobilen Ressourcen, wie etwa Personal, Loks und Waggons, aber auch Container, Lkw oder Auflieger.
So ist etwa das Tracking von Containern lückenlos von der Aufnahme bis zur Zustellung möglich. Als universelle Plattform für alle Auftragstypen erlaubt catkin die Vernetzung unterschiedlicher Assets. Mobiles Personal, Depots und Terminals sind leicht zu integrieren.

Flexible Beteiligungsmöglichkeiten

Jeder Teilnehmer kann sich über das Web und die mobile App beteiligen. Kleinunternehmen und Freiberufler verwenden Browser und App, Unternehmen mit einer etablierten IT integrieren ihre Systeme sukzessive über die offene Plattformspezifikation. Die Anbindung an vorhandene ERP-, Telematik- oder auch Speditionslösungen ist über die vorhandenen Anwendungsschnittstellen (APIs) recht einfach zu bewerkstelligen.

Fallbeispiel TX Logistik

Auftragsdurchlaufzeiten um 25 Prozent reduziert
Das Schienenlogistikunternehmen TX Logistik verbessert mithilfe des catkin-Portals das Management von Ganzzügen und des Kombinierten Verkehrs. Durch die Integration der zur Verfügung gestellten Funktionalitäten in das eigene Planungs- und Steuerungsprogramm halbierte sich bei den Vor- und Nachläufen per Spedition die Fehlerquote und der Arbeitsaufwand sank um 12 Prozent. Gleichzeitig konnten die Auftragsdurchlaufzeiten um 25 Prozent reduziert werden. Weitere Erfolge zeigen sich in Form einer verbesserten Abstimmung mit den Bahn-Dienstleistern und im operativen Personaleinsatz. Die erhöhte Transparenz führt hier zu einer deutlichen Reduzierung von Verspätungen und 50 % weniger Support-Anrufen im European Control Center der Güterbahn.

Sicherheit und Datenschutz

Auch die Integration neuer Akteure und Prozesse sowie eine zügige Implementierung neuer Standards sind jederzeit möglich. Die Konfiguration von neuen Auftragsstrukturen und Arbeitsabläufen geschieht ohne aufwändige Programmierung. Die Kombination von standardisierter Technik und flexiblen Strukturen ermöglicht so dynamische Prozesse.
Der sichere Austausch der Daten entlang der gesamten Data-Supply-Chain ist dabei eine wesentliche Voraussetzung. Disponenten etwa, die das catkin-Portal nutzen, können sicher sein, dass ihre Daten nicht in irgendeiner Cloud jenseits des großen Teichs unterwegs sind, sondern sich in einem modernen deutschen Rechenzentrum befinden –  unter Einhaltung aller Datenschutzbestimmungen. Zudem werden die im Zuge der Auftragsabwicklung erzeugten Daten nach Abschluss innerhalb eines gewissen Zeitfensters wieder aus dem System entfernt.

Nahtlose Kollaboration

Der Ansatz von catkin integriert die Beteiligten am Erbringen einer Logistikdienstleistung unmittelbar horizontal und stellt somit sofort für alle Teilnehmer gleichermaßen ein Kunden- als auch Dienstleisterportal dar. Zudem wird die Steuerung von mobilen Personalen und „rollendem Material“ automatisch unterstützt. Auftragsdaten und Lieferfortschritt lassen sich sicher, einfach und in Echtzeit kommunizieren, wodurch im Sinne von Logistik 4.0 eine nahtlose Kollaboration über Unternehmensgrenzen hinaus realisiert wird. Voraussetzung für Smart Services, innovative Leis­tungsangebote und automatisierte Geschäftsprozesse in der Logistik 4.0 sind der sichere Austausch und die einfache Kombination von Daten in Wertschöpfungsnetzwerken – ohne dass die Beteiligten in der Lieferkette die Souveränität über die eigenen Daten verlieren.

Fallbeispiel Kloiber Transporte

Optimierter Container-Transport
Die Spedition Kloiber aus Bayern, ein Familienunternehmen mit jährlich 85 000 transportierten Ladeeinheiten und einer Flotte von 150 Lastwagen, führte catkin als Kundenportal ein und koppelte es an das vorhandene Planungssystem. Die Vernetzung zwischen den Beteiligten – etwa Reeder, Zoll, Bahn, Operateur, Lkw-Spediteur, Fahrer und Kunde – kann ebenso auf Basis der Containernummer, die eine eindeutige Identifikation ermöglicht, erfolgen. Statt einer weiteren Insellösung verfügt Kloiber nun über eine offene Plattform, die eine einfache Anbindung von weiteren Kunden und beliebigen Subunternehmern ermöglicht.

„Industrial Data Space“

Die Initiative „Industrial Data Space“, an der mit Unterstützung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung verschiedene Fraunhofer-Institute und Unternehmen unterschiedlichster Branchen und Größen – darunter auch catkin – beteiligt sind, schafft die Voraussetzungen für den dringend nötigen sicheren Datenraum. Zwischen allen Beteiligten am Datenaustausch wird ein standardisierter Vertrag geschlossen, der in Software „gegossen“ den Daten immer mitgegeben wird. Er beschreibt, was der Empfänger mit den Daten tun darf und was nicht. Der Sender bleibt Eigentümer, kann Bedingungen der Nutzung festlegen und auch den Zeitraum der Gültigkeit.

Mehr Informationen unter https://www.catkin.eu/HandbuchDigitalisierung

Kernaussagen

Fast die Hälfte der Logistikunternehmen vertrauen in der Kommunikation mit Partnern in der Lieferkette immer noch an erster Stelle auf „traditionelle Methoden“ – wie beispielsweise Telefon, Fax und E-Mail.
Komplexe Dienstleisterstrukturen – wie etwa im Kombinierten Verkehr – erschweren Abstimmungen und damit das Management arbeitsteiliger Prozesse. Trotzdem ist gerade die Logistikbranche mit ihren vielen manuellen Prozessen prädestiniert für enorme Fortschritte durch digitale Innovationen.
Mithilfe einer universellen Logistikplattform für eine vernetzte Auftragsabwicklung und Kommunikation wie zum Beispiel catkin kann bereits heute der Weg in eine Logistik 4.0 beschritten werden, bei der die Transparenz der Supply-Chain im Mittelpunkt steht.

Der Text ist unter der Lizenz CC BY-SA 3.0 DE verfügbar.
Lizenzbestimmungen: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/


Informationen zu Geert-Jan Gorter

Logistik braucht IT

Nichts bewegt sich ohne eine enge Verzahnung von Logistik und IT. In Zukunft wird der 3D-Druck Dienstleistungen rund um die Logistik verändern.

Die Logistikbranche wird und muss sich im Zuge der Digitalisierung umfassend verändern. Prozesse werden mit Hilfe von neuen Technologien wie RFID, Beacons oder Pick-by-Solutions revolutioniert.
Beispielhaft sind E-Procurement und E-Marketplaces in der Beschaffungslogistik, die mit den zunehmenden Möglichkeiten des Internets überhaupt erst möglich sind. Unternehmen werden flexibler in ihren Beschaffungswegen, -zeiten und -quellen. In der Produktionslogistik wird in Zukunft mit Hilfe von Digitalen Fabriken ein gesamtes Unternehmen in vereinfachter Form abgebildet werden, von Mitarbeitern über Prozesse bis zu den IT-Anwendungen, was der Planung und Steuerung immens hilft. Durch Pick-by-Methoden kann der Kommissionierungsvorgang drastisch beschleunigt werden.

Die Prozesse der Distributionslogistik werden im Bereich der Routenplanung verbessert, was vor allem an einer verbesserten Kommunikationsmöglichkeit liegt. Das ermöglicht eine schnellere Zustellung der Lieferungen. Zusätzlicher Service wird dem Kunden durch Sendungsverfolgung geboten. In den kommenden Jahren werden sich Prozesse noch weiter verbessern, besonders in der Distributionslogistik. Autonom fahrende LKWs, Schiffe, Roboter und Drohnen werden die Zustellung, gerade auch auf der „letzten Meile“ zum Kunden revolutionieren und Personal für diese Bereiche nahezu obsolet machen.

Umfassende Änderungen werden die Logistikbranche treffen. Unternehmen müssen sich also mit  neue Technologien auseinandersetzen und in sie investieren, um konkurrenzfähig zu bleiben. Ein völlig neuer Konkurrent für Logistiker ist z.B. der 3D-Drucker. Denn wieso sollte man sich etwas liefern lassen, wenn man es sich auch zu Hause ausdrucken kann? Das geht schneller, und ist womöglich sogar noch billiger. Zur Zeit ist das Problem nicht so ernst zu nehmen, da die Möglichkeiten des 3D-Drucks noch begrenzt sind. Die meisten Dinge wird man sich schlicht liefern lassen müssen, wobei auch aktuelle Lieferzeiten in den meisten Fällen verkraftbar sind. Startup-Unternehmen haben aktuell bessere Chancen denn je.

TREND REPORT zum Thema

Heft 3/2015 „Vernetzte Gesellschaft“
„Industrie 4.0: Vision wird Realität“, Autor Chris Löwer
https://trendreport.de/industrie-4-0-vision-wird-realitaet-2/

Heft 2/16 „Standort Deutschland digital“
Reportage „IoT: Beginn der Vernetzung“, Autor Chris Löwer, https://trendreport.de/iot-beginn-der-vernetzung/

Bezüglich ihrer Konkurrenzfähigkeit geben sich deutsche Unternehmen relativ zuversichtlich. Wie realistisch diese Einschätzung ist, wird die Zeit zeigen. Wer auch immer in Zukunft führender Logistikdienstleister im deutschen Raum sein wird: Kunden profitieren von neuen Komfort. Zustellungen innerhalb von einem Tag, also Same-Day-Delivery-Modelle, werden zum Standard werden. Für Beschäftigte der Branche gestaltet sich die Lage anders: operative Berufe wie Lagerarbeiter oder auch LKW-Fahrer könnten schnell wegfallen, aber es werden neue Arbeitsplätze in Bereichen wie IT und Controlling geschaffen werden. Wie jede Neuerung bringt die Digitalisierung eben nicht nur positive Auswirkungen für Unternehmen. Neben den sich bietenden Möglichkeiten entsteht die Gefahr, den Anschluss an Konkurrenten zu verlieren und so vom Markt verdrängt zu werden. Grund genug für die BVL, ein Positionspapier zu erstellen, das die Herausforderungen für Politik und Unternehmen beschreibt und Handlungsempfehlungen gibt. Das von den Logistikexperten Professor Michael ten Hompel, Professor Jakob Rehof und Frauke Heistermann erstellte Papier definiert Logistik als „ganzheitliche Planung, Steuerung, Koordination, Durchführung und Kontrolle aller unternehmensinternen und unternehmensübergreifenden Informations- und Güterflüsse.“ Mit dieser Definition der Logistik ist die enge Verzahnung von Logistik und IT festgeschrieben, die im Positionspapier weiter ausgeführt wird.

Quelle und Textlizenz:
https://winfwiki.wi-fom.de/index.php/Einfluss_der_Digitalisierung_auf_die_Logistikbranche; Autoren: Federica Scichilone, Rico Schulte, Niklas Leppkes

Lizenzbestimmungen: https://www.gnu.org/licenses/fdl-1.2

Die digitale Revolution: einfach machen!

von Anette Bronder

Viel Lärm um nichts oder entscheidender Wettbewerbsvorteil? Bei den meisten Unternehmen ist mittlerweile angekommen, dass sie sich mit dem Thema „Digitalisierung“ beschäftigen müssen, um zukunftsfähig zu sein. Fachkräftemangel, ein schärferer Wettbewerb, Start-ups, die mit einer cleveren Idee ganze Branchen umkrempeln, neue technische Möglichkeiten – das sind die großen Herausforderungen, die die heutigen Unternehmen jetzt aktiv angehen müssen. Der Treiber für nachhaltiges Wachstum? Digitaler Fortschritt!

Fast alle Branchen werden mit Chancen und Risiken der Digitalisierung konfrontiert, auch wenn unterschiedliche Bereiche und Prozesse betroffen sind. Unternehmen können im Internet der Dinge einzelne Produkte, Herstellungsprozesse, ganze Wertschöpfungsketten oder auch komplette Geschäftsmodelle vernetzen. Und das müssen sie auch: Kunden erwarten im sogenannten „Age of the Customer“ individuelle, preisgünstige Konsumgüter und schnellen Service. Hier haben deutsche Firmen Nachholbedarf, denn das Potenzial von IoT ist laut einer Studie von PAC erst zu fünf Prozent ausgeschöpft. Es gilt: Wer die erste Halbzeit der Digitalisierung verschlafen hat, muss in der zweiten erst recht Gas geben.

Was hindert Unternehmen daran? Häufig fehlt es an Digitalisierungs-Know-how. Eine aktuelle Studie von Crisp Research ermittelte anhand eines Reifegradmodells die Fähigkeit von Führungskräften, die digitale Transformation ihrer Unternehmen voranzutreiben. Und fand heraus, dass 71 Prozent nur wenig Wissen rund um neue digitale Technologien und auch kein ausgeprägtes „Digital-First“-Denken aufweisen. Viele dieser Entscheider können durchaus konkret die Eigenschaften und Funktionen nennen, die einen „Digital Leader“ ausmachen. Dennoch fehlt ihnen an der ein oder anderen Stelle der Digitalisierungswille und auch das Wissen, es gewinnbringend umzusetzen.

Um den nötigen Sprung in die digitale Welt zu schaffen, sind Dienstleister und Produktanbieter umso mehr gefordert. Besonders branchenspezifische Anwendungen und standardisierte Plattformansätze für den einfachen Einstieg in das IoT werden dringend benötigt. Wir müssen Anwendern Schützenhilfe leisten und Lösungen anbieten, die sich schnell und einfach implementieren lassen. So nehmen wir Unternehmen die großen Ängste vor der digitalen Angriffsfläche und der Komplexität der vernetzten Welt. Eine häufig gestellte Frage: Wie viel muss ich in meinem Unternehmen digitalisieren? Ich rate immer klein anzufangen und den Digitalisierungsgrad langsam auszubauen. Auf einzelne Geräte oder Bereiche begrenzte Lösungen bieten Unternehmern die Möglichkeit, eine Vernetzung auszuprobieren und auf Potenziale für ihr gesamtes Geschäftsmodell abzuklopfen. Besonders für kleine und mittelständische Firmen, die große und riskante Investitionen scheuen, ist dies ein unkomplizierter Weg ins IoT.

Welche Strategie hin zum digitalen Unternehmen ist die richtige? Zunächst sollte man das Potenzial der Digitalisierung für sich erkennen. Maschinenbauer wie Pfannenberg, der Klimatisierungslösungen für Schaltschränke baut, oder der Küchengerätehersteller Rieber vernetzen ihre Geräte, um sie aus der Ferne zu überwachen und zu steuern. Dampfkesselproduzent Certuss geht sogar noch einen Schritt weiter: Er verbindet seine Maschinen mit der Cloud, um die gewonnenen Daten zur vorbeugenden Wartung, der sogenannten „Predictive Maintenance“, zu nutzen. Thomas Hamacher, Chief Technical Officer bei Certuss, sagt, er gehe damit auf „Spurensuche“, um anhand der interpretierten Daten die Geräte vorausschauend zu warten und die Zufriedenheit der Kunden zu erhöhen. Diese Unternehmen haben herausgefunden, wie sie digitale Lösungen für sich nutzen können, und sie haben diese Erkenntnis mithilfe einfach anwendbarer Lösungen in die Tat umgesetzt.

Um Fahrstühle, Kühlschränke oder Werksmaschinen ins Internet zu bringen, sind drei Komponenten vonnöten: Netz, Sensoren, die Daten übertragen, und die Cloud, wo die Daten intelligent ausgewertet werden.

Und von solchen Optimierungen bestehender Produkte und Dienstleistungen sowie effizienteren Strukturen und besseren Kostenstrukturen profitieren bereits viele Unternehmen. Noch aber zögern Firmen, neue Wege einzuschlagen und in das Ungewisse zu investieren. Digitale Transformation erfordert durchaus Mut und vor allem Offenheit. Das ist eine der Herausforderungen. Die andere besteht darin, richtig zu digitalisieren – mit Strategie, den richtigen Partnern und optimalen IT-Lösungen.

Auch wir Dienstleister sind in der Pflicht, denn kein Anbieter kann das Internet der Dinge alleine beherrschen. Starke Kooperationen mit Partnern und ein eng verknüpftes Ökosystem aus Infrastruktur, Plattformen und Produkten, die sich stets branchenübergreifend einsetzen lassen, ist die Voraussetzung für eine umfassende Vernetzung. So lässt sich etwa ein intelligenter Kühlschrank mit anderen Geräten zu einem Smart Home, mehrere Smart Homes mit weiteren Lösungen wie Smart Parking lassen sich zu einer Smart City vernetzen. Doch solche Möglichkeiten sind zugleich sehr komplex. Zudem wächst die Zahl der Anbieter rasant. Dies erschwert Unternehmen die Investitionsentscheidung. Know-how und Vertrauen auf allen Seiten aufzubauen ist ein Muss für IT-Anbieter. Denn wir verkaufen ja keine schnell konsumierbaren Produkte wie Milch oder Kaffee. Vielmehr geht es in der IT-Branche um langfristige, vertrauensvolle Beziehungen mit Kunden und darum, neben dem Verkäufer auch zum Berater und Partner für die Digitalisierung zu werden.

Drei Dinge sind das Grundgerüst einer erfolgreichen digitalen Transformation: Digitalisierte interne Prozesse, ein technologischer Unterbau, der die gesamte IT-Landschaft beheimatet und vernetzt, und nicht zuletzt die digitalen Geschäftsmodelle, die nah am Kunden ausgerichtet sein müssen. Diese Komponenten müssen Unternehmen mit unserer Hilfe in Angriff nehmen; nicht morgen, sondern heute. Sonst setzen sie in der digitalen Welt die Zukunft ihrer Firma aufs Spiel.

Kernaussagen

  • Wer am Markt eine Chance haben will, muss Mut zum Wandel haben und die Digitalisierung sowie die Cloud in den Mittelpunkt der eigenen Strategie stellen.
  • Häufig fühlen sich Unternehmen von der Komplexität der digitalen Welt überfordert. Digitalisierung einfach machen ist Aufgabe der Dienstleister – einen einfachen Einstieg bieten branchenspezifische Anwendungen und standardisierte Plattformen.
  • Keiner kann das IoT allein beherrschen, denn die eine Lösung für alle Zwecke gibt es nicht. Nur mit Partner-Ökosystemen lassen sich die digitalen Kundenwünsche von morgen beantworten.
  • In Zukunft dreht sich alles um die Echtzeitverarbeitung immer dichterer Datenströme aus verschiedenen Quellen; schnelle Netze, intelligente Datenanalyse-Tools und sichere Cloud-Plattformen sind der Schlüssel dazu.

Der Text ist unter der Lizenz CC BY-SA 3.0 DE verfügbar.
Lizenzbestimmungen: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/


Informationen zu Anette Bronder

Zukunft des 3D-Drucks und Industrie 4.0

Die TREND-REPORT-Redaktion im Dialog mit Prof. Dr. Welf Wawers von der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg über das Thema 3D-Druck und die Folgen für die Industrie 4.0.

Herr Prof. Dr. Wawers, welches Potenzial hat die 3D-Drucktechnologie für das Internet of Things bzw. für Industrie 4.0?
In der Industrie 4.0 stehen intelligente Maschinen, Anlagen und Geräte, kurz cyberphysische Systeme, in Kommunikation und Kooperation mit Menschen, Logistik und Produkten. Ziel dieser Vernetzung ist die endverbrauchernahe industrielle Produktion des personalisierten Produkts, am liebsten in Echtzeit. Diese gewollt dezentralisierte Organisation kann nicht an einer zentralisierten Fertigungsstätte, beispielsweise einem Fließband in Fernost, enden. Hier muss, in logischer Konsequenz, eine disruptive Technologie wie der 3D-Druck stehen, der dann quasi die Vollendung dieses Wertschöpfungsnetzwerks bildet. Mit ihrer extrem hohen Flexibilität ist die 3D-Drucktechnologie in der Lage, die von den cyberphysischen Systemen über das Internet der Dinge gesammelten Daten zur z. B. Beanspruchung, Nutzung oder Alterung eines Produktes direkt in entsprechende bauliche Optimierungen umzusetzen. Für jedes einzelne Produkt, wohlgemerkt. Das Austauschprodukt oder Nachfolgemodell steht dann für den Nutzer passend zum Ende des Produktlebens zur Abholung bereit. Und zwar in der intelligenten Fabrik 4.0, zwei Straßenecken weiter. Tatsächlich haben jetzt schon laut der Erhebung des jungen Amsterdamer Unternehmens 3D Hubs eine Milliarde Menschen Zugang zu einer 3D-Produktionsstätte in höchstens 16 km Entfernung. Und Schätzungen gehen davon aus, dass sich die Zahl der 3D-Drucker jährlich verdoppeln wird.

Was ist in diesem Kontext dann disruptiv?
Durch die sich der 3D-Drucktechnik bedienende Fabrik 4.0 wird nahezu jeder Bereich der Produktentstehungskette beeinflusst, wenn nicht revolutioniert. Das beginnt bereits bei der Produktplanung und -bewerbung. In der konservativen Massenproduktion stellen aufwändige Studien und Feldversuche sicher, dass ein und dasselbe Produkt die Bedürfnisse eines möglichst großen Personenkreises erfüllt. Die individualisierte 3D-Drucktechnik stellt diese Sichtweise auf den Kopf. Nicht mehr das in den Forschungsabteilungen ausgeklügelte Design eines Produkts entscheidet über dessen Markterfolg, sondern wie weit sich dieses Design bei voller Funktionalität individualisieren lässt. Auch ermöglicht die 3D-Drucktechnologie die Herstellung völlig neuer Produkte mit hochkomplexem, bislang nicht herstellbarem Design. Stichwort hier ist beispielsweise der Leichtbau nach dem Vorbild von Knochenstrukturen. Reverse Engineering, die Erforschung und der Nachbau vorhandener Strukturen, erhält hier einen ganz neuen Stellenwert in den Entwicklungsabteilungen. Vor nicht minder großen Neuerungen steht die Produktion, Logistik und Lagerhaltung. Mit der 3D-Drucktechnik wird die Herstellung eines Einzelstückes genauso kostengünstig wie ein Bauteil aus der Massenproduktion. Damit wird einer der Hauptauslöser der zweiten industriellen Revolution, heute würde man sagen der Industrie 2.0, praktisch zu Grabe getragen. Die hochautomatisierte Produktion 4.0 ist darüber hinaus auch in Hochlohnländern rentabel. Die Verlagerung von Produktionsstätten nach Fernost und der damit verbundene weltweite Warentransfer sind nicht mehr erforderlich. Die Hersteller von Massenprodukten müssen dann nicht nur die Konzeption und Lage ihrer Fabrikationsstätten überdenken, sie sehen sich auch einer neuen Konkurrenz gegenüber. Mit konventionellen Fertigungsverfahren stellt der Einstieg in ein neues Produkt oftmals eine große finanzielle und logistische Herausforderung dar. Produktionslinien müssen umgestellt werden, Arbeiter an neuen Maschinen angelernt werden usw. Verglichen damit sind die Anstrengungen in der hochflexiblen 3D-Drucktechnologie minimal. Ein und dieselbe Maschine kann heute Zahnbürsten produzieren und morgen Turnschuhe. Lediglich Herstelldaten und Rohmaterial müssen ausgetauscht werden. Damit fallen für viele Firmen Hindernisse weg, die bislang den Einstieg in neue Produkte erschwerten oder gar verwehrten. Wenn wir noch einen Schritt weiterdenken, wird sich die Produktion auch in die Haushalte verlagern, die zunehmend über eigene 3D-Drucker verfügen. Einige Medien sprechen hier bereits von einer „Demokratisierung des Produkts“. Auch wenn die 3D-Drucktechnologie die konventionellen Fertigungsmethoden nicht vollständig verdrängen wird, werden durch sie tiefgreifende Veränderungen ausgelöst. Nicht nur in der Produktion, auch im Handel und in der Gesellschaft.

Wie reagiert darauf die deutsche Maschinenbaubranche? Was sollten dann deutsche Maschinenbauer tun und wie schnell wird sich der 3D-Druck verbreiten?
Die traditionell eher konservativ eingestellte deutsche Industrie scheint dieser neuen Technologie gegenüber recht aufgeschlossen zu sein. Laut einer aktuellen Studie von Ernst & Young sind deutsche Firmen beim 3D-Druck sogar weltweit führend, was die Umsätze mit 3D-Produkten angeht. In Zahlen ausgedrückt kommt Ernst & Young auf einen Jahresumsatz von fast einer Milliarde Euro, bei weltweit ca. 10 Milliarden Euro. Verglichen mit dem Gesamtumsatz des deutschen Maschinenbaus, in 2015 rund 247 Milliarden Euro, ist das aber immer noch relativ gering. Umso überraschender ist, dass von den 200 deutschen von Ernst & Young befragten Unternehmen immerhin 37 % Prozent angaben, die 3D-Drucktechnologie bereits zu nutzen. Die Diskrepanz erklärt sich wahrscheinlich dadurch, dass viele der befragten Firmen die Technik für interne Prozesse nutzen, beispielsweise den Prototypenbau, und keinen direkten Umsatz mit dem Vertrieb dieser Bauteile erzielen. Es gibt aber auch kritische Stimmen, die die deutsche Maschinenbaubranche der Technologie hinterherfahren sehen. So schrieb das manager-magazin noch 2015 von der Gefahr, dass deutsche Unternehmen den Siegeszug des 3D-Drucks verschlafen könnten. Als einer der weltweiten Vorreiter wurde hier China genannt, wo heute bereits neben kompletten Autos auch Wohnhäuser im 3-Druck erstellt werden. Während das in Deutschland derzeit noch undenkbar ist, planen die Chinesen bereits mit einem weltweiten Massenmarkt. Und die Nachfrage gibt ihnen Recht, Ägypten hat zum Beispiel schon 20 000 gedruckte Häuser geordert. Tatsache ist, dass wir weltweit gerade erst dabei sind, das immense Potenzial und die revolutionierenden Veränderungen zu begreifen, die mit der rasant anwachsenden 3D-Drucktechnologie einhergehen. Schätzungen sehen das jährliche Wachstum des Marktes bei 30 % (Roland Berger) oder sogar 34 % (Morgan Stanley). Der US-Marktforscher Gartner geht davon aus, dass bereits 2018 50 % aller Hersteller von Konsumgütern, Schwergütern und Biogütern die 3D-Drucktechnik nutzen werden. Siemens sagte 2015 für die nächsten fünf Jahre ein Anwachsen der Druckgeschwindigkeit um 400 % bei gleichzeitiger Halbierung der 3D-Druckkosten voraus. Wenn man die Zahlen der weltweit verkauften 3D-Drucker betrachtet, summieren sich diese in konservativen Schätzungen für 2020 auf ca. 25 Millionen, die wiederum Milliarden von Bauteilen ausdrucken werden. Der Zug ist also noch lange nicht abgefahren, im Gegenteil. Baldiges Aufspringen wäre aber trotzdem ratsam.

In welchen Industriezweigen wird sich der 3D-Druck zunächst durchsetzen?
Bereits lange fest etabliert ist der 3D-Druck im Prototypenbau, der ersten, als „Rapid Prototyping“ bezeichneten Anwendung. Aber auch im Werkzeugbau, Formenbau und in der Ersatzteilherstellung hat das Verfahren als „Rapid Manufacturing“ oder auch „Additive Manufacturing“ Fuß gefasst. Hier haben die großen, teilweise einzigartigen Vorteile des Verfahrens, die extrem hohe Flexibilität und die nahezu uneingeschränkte Geometriefreiheit, frühzeitig Vorbehalte gegenüber dieser neuen Technologie beiseitegeschoben. Ein gutes Beispiel ist der Spritzguss in der Kunststoffproduktion. Bis zu 70 % kann die Kühlzeit innerhalb der Zykluszeit der Serienfertigung ausmachen. Um die Kühlzeit zu reduzieren, sind im Spritzgusswerkzeug konturnahe Kühlkanäle erforderlich. Deren Herstellung bringt den konventionellen Werkzeugbau aufgrund der komplexen Geometrien oftmals an seine Grenzen, im 3D-Druck ist das problemlos herstellbar. Der nächste Schritt, den einige Hersteller schon gegangen sind, ist es, die Werkzeuge gleich ganz wegzulassen und die Kunststoffbauteile direkt im 3D-Druck herzustellen. Ermöglicht wird dies durch die rasante Zunahme der Druckgeschwindigkeit und die kontinuierliche Qualitätsverbesserung der Ausdrucke. Damit öffnet sich auch der Massenmarkt für Konsumgüter der 3D-Produktion. Ein anderer Industriezweig, der vorwiegend Individualprodukte hervorbringt und daher auch schon länger den 3D-Druck erfolgreich einsetzt, ist die Medizintechnik. Neben Zahnimplantaten können passgenaue Titan-Prothesen im 3D-Drucker hergestellt werden. Originalgetreue, schnell aufgebaute 3D-Modelle beschädigter Organe helfen bei der Operationsvorbereitung. Zukunftsvision, aber bereits im Forschungsstadium befindlich ist der 3D-Druck funktionsfähiger Organe und Stammzellen. Auch im Leichtbau, und speziell in der Luftfahrtindustrie, hat die Technologie Einzug gehalten und wird weiter wachsen. Die Geometriefreiheit des 3D-Drucks eröffnet hier neue Möglichkeiten der Gewichtseinsparung bei erhöhter Steifigkeit. Und auch der Mittelstand beginnt die Vorteile der neuen Technologie für sich zu entdecken. Einer Umfrage des Münchner Marktforschungsinstituts Pierre Audoin Consultants (PAC) im Auftrag der Freudenberg IT zufolge sind 45 % der befragten mittelständischen Fertigungsunternehmen der Meinung, dass sich mit dem Einsatz von 3D-Druckern Kosten- und Effizienzvorteile realisieren lassen, Tendenz steigend.

Gibt es anschauliche Beispiele?
Es gibt viele Beispiele dafür, dass Unternehmen, auch aus Deutschland, das Potenzial der 3D-Drucktechnologie schon erkannt haben. Im Bereich der Massenproduktion baut adidas derzeit eine „Speedfactory“ im fränkischen Ansbach auf. Dank 3D-Drucktechnik und vernetzter Maschinen sollen ab 2017 auf 4 600 m² 500 000 Paar Schuhe pro Jahr gefertigt werden, zum ersten Mal seit 30 Jahren wieder „Made in Germany“. Airbus setzt in seinem Werk in Bremen verstärkt auf den 3D-Druck und plant, 10 % seiner Ersatzteile mit diesem Verfahren selber herzustellen. 3D-gedruckte Prototypen werden bei Mercedes-Benz Lkw schon seit einigen Jahren eingesetzt, und seit September dieses Jahres bietet das Unternehmen auch erstmals Ersatzteile aus dem 3D-Drucker an. Mercedes-Benz betont dabei, dass bei der Qualität, Langlebigkeit, Zuverlässigkeit, Wirtschaftlichkeit und Funktionalität die gleichen Maßstäbe wie in der klassischen Ersatzteilproduktion angelegt werden. Auch die BMW AG benutzt bereits die 3D-Drucktechnologie. Bislang wurden damit hauptsächlich exotische Bauteile wie die im metallischen 3D-Druck hergestellte Wasserpumpe des DTM-Rennwagens hergestellt. Nun soll der 3D-Druck langfristig in die Produktionsstrategie auch für Serienteile integriert werden. BMW arbeitet dabei mit HP zusammen, das nach langem Zögern seit Mai dieses Jahres seine ersten eigenen 3D-Drucker anbietet. Überhaupt ist es verwunderlich, dass die großen Drucker-Hersteller so spät in die 3D-Drucktechnik eingestiegen sind. Canon ist seit 2015 dabei, Epson bereitet immerhin gerade den Einstieg in die 3D-Drucktechnik vor. Bei Brother und bei Lexmark sucht man derzeit noch vergeblich nach einem 3D-Drucker. Gerade diese Zurückhaltung hat aber jungen deutschen Unternehmen die Möglichkeit gegeben, sich zu entfalten. Mit SLM Solutions aus Lübeck ist 2014 der erste deutsche Hersteller von industrietauglichen 3D-Druckanlagen an die Frankfurter Börse gegangen, kurz nachdem das ebenfalls deutsche Unternehmen Voxeljet an der New Yorker Börse notiert hat. Weitere bedeutende Hersteller sind Concept Laser aus dem bayrischen Lichtenfels und EOS aus Krailling bei München, um einige zu nennen. Tatsächlich sind deutsche Hersteller industrietauglicher 3D-Druckanlagen laut der WirtschaftsWoche vom Januar 2014 ihren Mitbewerbern aus den USA und Asien technisch um Jahre voraus.

Kernaussagen

  • Die Wirkung des 3D-Drucks ist bis weit in die Gesellschaft hinein. Durch 3D-Drucker für den Heimgebrauch sprechen Experten schon von der „Demokratisierung des Produktes“.
  • Im „Rapid Prototyping“ ist der 3D-Druck bereits lange fest etabliert. Weitere Einsatzbereiche sind z. B. Werkzeugbau, Formenbau und Ersatzteilherstellung.
  • Die Produktion eines Konsumguts kann nun auch wieder in Hochlohnländern lohnenswert sein.

Mit welchen Weiterentwicklungen und Innovationen ist in den nächsten zwei bis drei Jahren zu rechnen?
Der Bereich der technischen Weiterentwicklungen der 3D-Drucktechnologie konzentriert sich auf die Erhöhung der Druckgeschwindigkeit, die Reduzierung der Druckkosten und die Verbesserung der Druckqualität. Auch in der teilweise aufwändigen und bei Metallen auch nicht ganz ungefährlichen Rohmaterialherstellung wird intensiv geforscht. Feines Pulver, sei es von Metallen oder anderen Stoffen, ist besonders reaktionsfreudig, wodurch es sich leicht entzünden kann. Ein Beispiel dafür sind Mehlstaubexplosionen in Getreidemühlen. Ein weiterer Forschungsschwerpunkt ist die Weiterentwicklung der Druckstrategie. Das betrifft beispielsweise den Ausdruck eines Bauteils aus verschiedenen Materialien oder die Herstellung kompletter, aus beweglichen Teilen bestehender Baugruppen in einem 3D-Druck, „Print-in-Place“ (PIP) genannt. Mitsubishi hat kürzlich auch den „5D-Druck“ vorgestellt. Tatsächlich handelt es sich dabei um einen 3D-Drucker mit 5 Achsen. Die hergestellten Musterbauteile, Druckkappen, halten einem drei- bis fünfmal stärkeren Berstdruck gegenüber „nur“ 3D-gedruckten Bauteilen stand. Die Technik ist also noch lange nicht ausgereizt, mit technischen Innovationen ist auch weiterhin zu rechnen. Was die Marktentwicklung und das Wachstum der 3D-Drucktechnologie angeht, gibt es zahlreiche positive Zukunftsprognosen, die bereits erwähnt wurden. Außerdem werden sich auch neue Märkte und Geschäftsmodelle eröffnen. 3D-Druck-Shops werden zunehmen. Manche nach Art der Copy-Shops, in denen man eben schnell den durchgebrochenen Hebel der Kaffeemaschine 3D-kopiert, aber auch kleine Fabrikationsstätten, die Bauteile von Einzelstücken bis zur Großserie in Lohnfertigung herstellen. Und da auch immer mehr Konsumenten über eigene 3D-Drucker verfügen, wird sich auch ein Markt für virtuelle Bauteile eröffnen, in dem statt physischer Produkte deren 3D-Design verkauft wird. Es ist auch vorstellbar, dass diese Konsumenten ihre privaten 3D-Drucker zur Bauteilherstellung auf Internetplattformen anbieten, sich also quasi „Baubörsen“ bilden werden. Natürlich werden solche Geschäftsmodelle, und auch die 3D-Druck-Shops, Fragen nach der Produkthoheit und dem Gebrauchsmusterschutz aufwerfen. Andere Geschäftsbereiche werden sich verändern müssen. Im Zuge der endverbrauchernahen, bedarfsgerechten 3D-Produktion wird es nicht mehr notwendig sein, Produkte über weite Strecken zu transportieren oder große Stückzahlen davon zu lagern. Die Logistik oder der After-Market stehen hier vor ganz neuen Herausforderungen, während die Industrie wieder im Heimatmarkt produzieren kann. Dieser Trend des „Reshorings“, der Rückkehr der Produktion in die Heimmärkte, ist derzeit weltweit zu beobachten, wie das Beispiel adidas zeigt. Abschließend, aber deswegen nicht weniger wichtig, sei noch der Aspekt des Umweltschutzes erwähnt. Der weltweite Warenverkehr stellt eine enorme Belastung der Umwelt dar. Endverbrauchernahe Produktion wird damit zur umweltgerechten Produktion. Wenn dieses Label von Politik und Gesellschaft erkannt wird, bekommen Unternehmen, die noch nicht in die 3D-Drucktechnologie eingestiegen sind und an ihren Produktionsstätten in Niedriglohnländern festhalten, ein Problem. All diese Entwicklungen werden sicher nicht innerhalb der nächsten zwei bis drei Jahre passieren, aber zumindest ihren Anfang nehmen.

Gibt es aktuelle Forschungsprojekte?
Meine Forschungsarbeiten an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg stehen als neuberufener Professor noch am Anfang. Derzeit bauen wir gerade mehrere Laserlabore auf. Geplant sind u. a. Forschungsarbeiten zum „Selective Laser Melting“ (SLM), dem marktführenden 3D-Druckverfahren für metallische Bauteile. Ein Thema, dem ich mich am Fraunhofer Institut für Lasertechnik bereits während meiner Studienzeit gewidmet habe. Konkrete Forschungsfragen sind beispielsweise, inwieweit sich bionische Strukturen mittels Reverse Engineering und dem 3D-Druck für technische Anwendungen, z. B. den Leichtbau, nutzbar machen lassen.

Der Text ist unter der Lizenz CC BY-SA 3.0 DE verfügbar.
Lizenzbestimmungen: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/


Informationen zu Prof. Dr. Welf Wawers

Internet of Things

Smart Things kommunizieren über das Internet der Dinge miteinander, wodurch neue Möglichkeiten automatischer Prozesse entstehen.

von Andreas Fuhrich

Statt selbst Gegenstand der menschlichen Aufmerksamkeit zu sein, soll das „Internet der Dinge“ den Menschen bei seinen Tätigkeiten unmerklich unterstützen. Dabei bezeichnet das Internet of Things (IoT) die Verknüpfung eindeutig identifizierbarer physischer Objekte mit einer virtuellen Repräsentation in einer internetähnlichen Struktur.

Die automatische Identifikation mittels RFID wird oft als Grundlage für das Internet der Dinge angesehen. Allerdings kann eine eindeutige Identifikation von Objekten auch mittels anderer Identifikationsverfahren, wie Strichcode oder 2D-Code, erfolgen. Bauteile wie Sensoren und Aktoren erweitern die Funktionalität um die Erfassung von Zuständen bzw. die Ausführung von Aktionen.

Ziel des IoT ist die automatische Übertragung von Zustandsdaten realer Dinge in die virtuelle Welt, um dort weiterverarbeitet werden zu können. Solche Daten können beispielsweise Informationen über die aktuelle Nutzung, den Verbrauch, aber auch über besondere Umweltbedingungen am Ort des „Things“ sein. In einem IoT-Netzwerk kommunizieren auf diese Weise mehrere Dinge miteinander und sind in der Lage, sich gegenseitig Aufgaben zuzuweisen.

Wearables sind ein typisches Einsatzgebiet des IoT. Eine Smartwatch kann beispielsweise ihren Träger genau lokalisieren und diese Daten an die Heizung im Smart Home übermitteln. So kann sich diese automatisch ausschalten, falls das Haus verlassen wird, und sich einschalten, wenn man sich nähert.
In der Wirtschaft spielt das IoT vor allem im Zusammenhang mit der Industrie 4.0 eine wichtige Rolle. Dabei soll, nach Plänen der Bundesregierung, eine weitestgehend selbst­organisierte Produktion möglich werden: Menschen, Maschinen, Anlagen und Produkte kommunizieren und kooperieren direkt miteinander. Durch die Vernetzung soll es möglich werden, nicht mehr nur einen Produktionsschritt, sondern eine ganze Wertschöpfungskette zu optimieren. Das Netz soll zudem alle Phasen des Lebenszyklus des Produktes einschließen – von der Idee eines Produkts über die Entwicklung, Fertigung, Nutzung und Wartung bis hin zum Recycling. Durch die Aktionen, die auf Basis der Daten des eigenständigen Informationsaustauschs zwischen Produktionsmaschinen, Lagersystemen und Betriebsmitteln entstehen, ergeben sich diverse Vorteile: Produkte können effizienter hergestellt werden und die Produktqualität kann verbessert. Der Energieverbrauch kann optimiert werden, da die einzelnen Teilnehmer eines IoT-Netzwerks nur dann aktiv sind, wenn sie wirklich benötigt werden. Durch die Nutzung moderner Technologien wird der Arbeitsplatz auch für die Mitarbeiter attraktiver. Zudem können Produkte kundenindividueller hergestellt werden, wodurch die Kundenbindung verbessert wird.

Von entscheidender Bedeutung beim IoT ist das Thema Sicherheit. Schließlich können Hacker nicht nur Daten stehlen oder verändern, sondern auch die Steuerung der Dinge übernehmen. Das Gefahrenpotenzial etwa im E-Health-Bereich oder bei Steuerungssystemen eines Kraftwerks ist daher außerordentlich.

Künstliche Intelligenz

Selbstlernende Maschinen nutzen Big Data und Cloud-Computing, um laufend die abhängigen Prozesse zu optimieren.

von Andreas Fuhrich

Eine eindeutige Definition des Begriffs Künstliche Intelligenz (KI) sucht man zwar vergebens, aber zumindest für den aktuellen, die Wirtschaft betreffenden Diskurs lässt er sich relativ klar skizzieren. Im Wesentlichen lässt sich er sich dabei in die Bereiche des maschinellen Lernens und des Cognitive Computings aufteilen:
Unter maschinellem Lernen versteht man die Fähigkeit eines künstlichen Systems, aus Erfahrung Wissen zu generieren. Dabei werden nicht nur Beispiele auswendig gelernt, sondern Muster und Gesetzmäßigkeiten erkannt, wodurch es in die Lage versetzt wird, auch unbekannte Daten beurteilen zu können. Kognitive Systeme gehen bei der Humanisierung der Maschine noch einen Schritt weiter. Neben der Fähigkeit des Lernens sind sie auch in der Lage, mit Ambiguitäten und Unschärfen umzugehen. Wichtige Voraussetzungen für eine KI beim „natürlichen“ Umgang mit menschlicher Sprache oder dem Deuten von Emotionen aus einer Gesichtsmimik.

Durch die Entwicklung der Informationstechnologie sind immer größere Datenmengen (Big Data) verfügbar. Diese enthalten oft implizites Wissen, das, wenn es bekannt wäre, große wirtschaftliche oder wissenschaftliche Bedeutung hätte. Unter Data-Mining versteht man die Suche nach potenziell nützlichem Wissen in großen Datenmengen – maschinelle Lernverfahren gehören zu den Schlüsseltechnologien innerhalb dieses Gebiets. Sie unterstützen den Data-Mining-Prozess vor allem beim Aufspüren neuer Muster und Gesetzmäßigkeiten. Andererseits unterstützt der Data-Mining-Prozess aber auch das maschinelle Lernen, indem dadurch neue Lerndaten zur Verfügung gestellt werden.

Zusätzlich profitiert das maschinelle Lernen von den Entwicklungen der Cloud-Technologie, denn flexible Rechenkapazitäten und Managed Services machen den Einsatz von Machine-Learning einfacher. Die großen Cloud-Anbieter wie Amazon, Google und Microsoft bieten Machine-Learning bereits als Schnittstelle (API) an. Durch Open-Source-Projekte wie Prediction.io oder TensorFlow steht zudem Technologie frei zur Verfügung, auf der man aufsetzen kann.

Nach aktuellen Prognosen von Crisp Research werden sich die Ausgaben für Infrastruktur, Software und Plattformen, Algorithmen-Design und verbundene Dienstleistungen von rund  1,96 Mrd. Euro in 2015 auf rund 15 Mrd. Euro im Jahr 2020 nahezu verzehnfachen.(1)

Einsatzmöglichkeiten für künstliche Intelligenz entstehen dabei für nahezu alle Branchen, weshalb sich CIOs und Digitalisierungsverantwortliche darauf gefasst machen sollten, dass nicht nur unternehmensintern diese Art von Skills nachgefragt werden. Die Anzahl an Machine-Learning-Spezialisten ist begrenzt und die Schnittmenge derjenigen, die auch noch Business-Verständnis mitbringen, umso kleiner. Für Unternehmen ist es daher umso wichtiger, sich rechtzeitig um Experten für den eigenen Betreib zu bemühen, z. B. durch Kooperationen mit Universitäten, um unmittelbar die Nachwuchskräfte zu binden, die auf dem freien Arbeitsmarkt kaum zur Verfügung stehen werden.

(1) „Künstliche Intelligenz und echte Profite – Machine Learning auf dem Weg in den Mainstream“, von: Carlo Velten, 2016, URL: https://www.crisp-research.com/kunstliche-intelligenz-und-echte-profite-machine-learning-auf-dem-weg-den-mainstream/ (Abgerufen: 24.November 2016).

Abteilung Einkauf & Beschaffung

Einfluss der Digitalisierung auf Einkauf &Beschaffung

Die ständig wachsenden Herausforderungen und die Digitalisierung auf den globalen Märkten führen dazu, dass die Beschaffung immer mehr an Bedeutung gewinnt. Die Beschaffungsoptimierung hat direkte Auswirkungen auf den Gewinn des Unternehmens.

Im Vergleich zu traditionellen Beschaffungsstrukturen, die sich durch Ineffizienz kennzeichnen, ermöglicht die konsequente Integration von E-Procurement-Systemen eine Vielzahl von Vorteilen zur Prozessverbesserung und Kosteneinsparung. Das Ziel von E-Procurement ist, die strategische aber auch die operative Beschaffung durch elektronische Hilfsmittel zu unterstützen. Das passiert in der Praxis durch den Einsatz verschiedener E-Procurement-Werkzeuge.

Das Katalogmanagement spielt dabei eine wichtige Rolle, Produktkataloge können der Auswahl und Beschaffung von Produkten auf Kundenseite, Lieferseite oder auf Marktplätzen dienen. Neue Technologien, rasante Digitalisierung und massiv geänderte Kundenerwartungen stellen die bisherige Einkaufsorganisation auf den Prüfstand. Die  Entwicklungen  im  Zusammenhang  mit  der  Digitalisierung  sollten  nicht  losgelöst  voneinander  betrachtet  werden. So spielt der CPO („Chief Procurement Officer“) im Einkauf und damit bei der Umsetzung von Industrie 4.0 in Zukunft eine zentrale Rolle. Er muss die Technologien und Innovationen mit dem CDO und der Geschäftsleitung ins Unternehmen  bringen,  damit  es  die  vierte  industrielle  Revolution  erfolgreich  meistern kann. In diesem Kontext ist Einkauf 4.0 nicht nur ein  „Buzzword“. Künstliche Intelligenz und kognitive Systeme werden in Zukunft das Lager mit der Produktion und dem Einkauf verbinden. Die digitale Konvergenz zieht sich durch: nicht nur durch den kompletten Lebenszyklus eines Produktes, sondern auch durch die komplette Produktwertschöpfungskette.

Die Digitalisierung ist damit auch der Treiber für das Next-Level-Procurement, bei dem neue Anforderungen wie Agilität, Kollaboration und Analytik gefragt sind. Zu deren  Umsetzung  ist  die  Prozesskompetenz  und  Marktexpertise des CPOs und des CDOs unverzichtbar.
Mit der  vierten  industriellen  Revolution  bietet sich dem Einkauf die Chance, eine neue strategische Rolle im Unternehmen einzunehmen und damit der zunehmenden Automatisierung zu „entgehen“. Je digitaler und vor allem autonomer die Einkaufsprozesse, desto eher kann sich der Einkauf auf seine strategischen Aufgaben konzentrieren.

Die Lagerhaltung der Zukunft wird ohne die momentan gebräuchlichen Scanner auskommen und mit innovativer Kamera- und Sensortechnik sowie deren Analyseverfahren Echtzeitinformationen zur Verfügung stellen. Mit Location-based Services lassen sich schon heute Inhouse-Warenströme in Echtzeit analysieren, um Ware sicher bis auf die Verkaufsflächen nachzuverfolgen.

Alles was sich auf einer Palette befindet, die sich durch das Lager bewegt, kann durch die Bluetooth-Technologie in „Realtime“ getrackt werden. Kameras und Sensoren identifizieren zum Beispiel Gabelstapler und ihre Bewegung. Es lässt sich so verfolgen, ob Fahrzeuge Lasten aufgenommen oder abgegeben haben. Stellplätze und Lagerflächen werden effizient überwacht, damit weitere Lagerhaltungsprozesse angestoßen werden können.

Daten im Kontext aller logistischen Vorgänge wie z. B. der Ein- oder Auslagerungen sind in Echtzeit abrufbar und werden automatisch  mit dem ERP- oder Lagerverwaltungssystem abgeglichen. In einer Vorstudie vom Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik (IML) beschreibt Prof. Dr. Michael Henke, dass sich die Anzahl der Mitarbeiter im Einkauf, sowohl im operativen als auch im strategischen Bereich, verringern wird: „Der operative Einkäufer wird aussterben. Der komplette operative und administrative Bereich wird digitalisiert sein.“

Durch den Wandel brauchen die Einkäufer zukünftig viele neue Fähigkeiten:

  • Der Einkauf agiert als Koordinator, Multi-Talent, Controller, Vertragsmanager.
  • Der Einkauf wird zum Berater.
  • Der Einkäufer entwickelt sich immer mehr zum Produktentwickler.
  • Der Einkäufer wird zum Datenanalysten.
  • Der Einkäufer wird Manager der Rahmenbedingungen.
  • Der Einkäufer wird noch mehr zum Schnittstellenmanager.

Der Mensch wird weiterhin eine zentrale Rolle beim Einkaufen behalten, da der persönliche Kontakt und die „Chemie“ wichtig für Verhandlungen und Lieferantenbeziehungen bleiben wird. Dadurch, dass es im strategischen Einkauf weniger Einkäufer geben wird, diese aber komplexere Aufgaben bewältigen müssen, erfordert dies ein höheres Qualifikationsniveau.

Industrie 4.0 steht für ein Zukunftsprojekt der deutschen Bundesregierung, welches die vierte industrielle Revolution bezeichnet. Diese zeichnet sich durch die Individualisierung bzw. Hybridisierung der Produkte und der Integration von Kunden und Geschäftspartnern in die Geschäftsprozesse aus. Einkauf 4.0 bezeichnet folgerichtig den Einkauf in einer digitalisierten Produktionswelt. Die Digitalisierung der Lieferkette wird nach Ansicht des BME die Geschäftsmodelle revolutionieren.

Die Digitalisierung des Einkaufs und dessen enge Vernetzung nach innen und außen bieten die Möglichkeit, dass innovative Erfolgsstrategien für das gesamte Unternehmen entwickelt werden. In Zukunft bedeutet Einkauf Mehrwert, der durch Digitalisierung und Automation der Supply-Chain erzeugt wird. Deswegen geht der Einkauf 4.0 über das E-Procurement und E-Sourcing hinaus. Zulieferer und Einkauf werden in Zukunft auch enger aneinander angebunden sein, damit im Idealfall die Warenbestände automatisiert sind und in Echtzeit diese abgefragt und angefordert werden können.

Durch Verträge abgesicherte Allianzen und Partnerschaften werden nötig sein, um kundenspezifische Lösungen zu realisieren, denn herkömmliche Produkte werden intelligent werden und somit zu einer Kernkomponente von Industrie 4.0. Dies macht die Prozesskompetenz und Marktexpertise des Einkaufs unverzichtbar, um das „Internet der Dinge und Dienste“ umzusetzen. Ziel soll sein, eine voll integrierte Steuerung der Lieferkette über mehrere Unternehmen hinweg zu haben und je nach Marktentwicklung die besten Gewinnaussichten oder niedrigsten Kosten zu haben.

Dies zeigt laut BME, dass der Einkauf und die Logistik die Digitalisierung der Wirtschaft vorantreiben, denn ohne Einkauf und organisierte Supply-Chain kann das „Internet der Dinge“ nicht stattfinden. Durch gutes Knowledge-Management und die Nutzung von E-Tools kann aber das Hoheitswissen, über welches ein strategischer Einkäufer verfügt, einfacher übertragen werden.

Deshalb geht die ATKearney davon aus, dass die Unternehmen sich in Zukunft die Frage stellen, wo der Einkauf stattfinden wird, da die Einkaufsabteilung, wie andere Serviceprozesse (Human Resource, Buchhaltung, Logistik), in Shared-Service-Centern gebündelt und gegebenenfalls komplett outgesourct wird. Daher muss der Einkauf durch permanente Innovation und neue Wertbeiträge einen dauerhaften positiven ROSMA („Return on Supply Management Assets“) generieren.

Quellen und Textlizenz:
Vorstudie „Digitalisierung des Einkaufs – Einkauf 4.0“, Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik IML und Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik e.V. (BME) https://www.bme.de/fileadmin/_horusdam/4190-Vorstudie_Einkauf_40.pdf

https://winfwiki.wi-fom.de/index.php/Einfluss_der_Digitalisierung_auf_die_Beschaffung; Autor(en): Pavel Horia Basca, Pritam Satija, Philipp Myck.

Lizenzbestimmungen: https://www.gnu.org/licenses/fdl-1.2

ERP-Systeme verwandeln IoT-Daten in optimierte Prozesse

von Stefan Issing und Peter Schulz

Um die Möglichkeiten von Industrie 4.0 voll auszuschöpfen, müssen die aus Sensorendaten gewonnenen Erkenntnisse operationalisiert und in effizientere Prozesse umgesetzt werden. Das ist die zentrale Rolle von ERP-Systemen in Indus­trie-4.0-Umgebungen.

Das Internet of Things (IoT) kann Industrieunternehmen heute Millionen an Sensorendaten liefern, aus deren Analyse sich wertvolle Erkenntnisse gewinnen lassen. Diese Informationen nur zu sammeln und auszuwerten reicht aber nicht aus. Um von diesen Big Data wirklich zu profitieren, müssen die Erkenntnisse auch zu Aktionen führen, die die Geschäftsabläufe verbessern, seien es optimierte Wartungspläne, verbesserte Service-Levels, optimierte Logistik, bessere Produkte oder die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle.

Die IoT-Daten müssen also operationalisiert werden – und das ist die zentrale Aufgabe von ERP-Systemen in Industrie-4.0-Umgebungen. Zum einen steuern sie als Herzstück der Unternehmens-IT die Kernprozesse der Indus­trieunternehmen und sind damit naturgemäß auch für deren Optimierung durch neue Erkenntnisse zuständig; zum anderen agieren ihre Anbieter teilweise schon Jahrzehnte am Markt und verfügen deshalb über ein umfassendes Know-how dafür, welche Daten ein Unternehmen genau benötigt, um durch optimierte Geschäftsprozesse für effizientere Abläufe oder höhere Qualität zu sorgen.

Industrie 4.0 entwickelt in den allermeisten Fällen das vorhandene Geschäft weiter, anstatt es grundlegend zu verändern.

ERP-Systeme in IoT-Plattformen aus der Cloud integrieren

Ein Beispiel für die Operationalisierung von IoT-Daten im ERP-System sind optimierte Wartungsprozesse. Wenn etwa Sensoren Daten über zu hohe Temperaturen eines bestimmten Teils sammeln, sollten diese nicht nur gesammelt und registriert werden, um dann manuell darauf zu reagieren; das volle Potenzial zeigt sich erst dann, wenn auf Basis dieser Daten ein Prozess angestoßen wird, der automatisch Servicepersonal mit dem Austausch des betroffenen Teils beauftragt und damit seinen Ausfall verhindert. Operationalisieren und Automatisieren – erst durch diese Kombination kann Industrie 4.0 ihre ganze Kraft entfalten und signifikante Umsatzsteigerungen bewirken.

Stefan Issing

Im ERP-System werden dazu aber nicht sämtliche Daten benötigt, die Industrie 4.0 generiert. Deshalb muss es in eine IT-Architektur eingebunden werden, die die Erfassung, Speicherung und Filterung der Daten ermöglicht. Eine sehr gute Möglichkeit dazu bietet die Integration in IoT-Plattformen in der Cloud.
Mit diesen Plattformen lassen sich die riesigen Datenmengen, die unter anderem von den Sensoren geliefert werden, empfangen, verarbeiten, filtern und an das ERP-System weiterreichen, ohne dafür selbst ein Rechenzentrum aufbauen zu müssen, das Millionen von Transaktionen stemmen kann. Im Sinne einer ganzheitlichen IT-Landschaft wird mittelfristig auch das ERP-System selbst zunehmend in die Cloud wandern; allerdings wird sich dabei hierzulande vor allem das Private-Cloud-Modell durchsetzen. In Deutschland, aber auch in Österreich und der Schweiz sind die Unternehmen – ganz im Gegensatz etwa zu den USA – sehr zurückhaltend, wenn es darum geht, geschäftskritische Daten in die öffentliche Cloud auszulagern.

Das Geschäft nicht auf den Kopf stellen, sondern Schritt für Schritt verbessern

Peter Schulz

Beim Stichwort Internet of Things kommen vielen Menschen automatisch Unternehmen mit disruptiven Geschäftsmodellen wie der Online-Fahrdienst-Vermittler Uber oder der Video-Streaming-Dienst Netflix in den Sinn, die komplette Branchen auf den Kopf gestellt haben. Industrie 4.0 entwickelt aber in den allermeisten Fällen das vorhandene Geschäft weiter, anstatt es grundlegend zu verändern. Beim Blick auf Unternehmen, die bereits erfolgreich Industrie-4.0-Anwendungen nutzen, zeigt sich, dass die allermeisten von ihnen mit einem inkrementellen Ansatz gestartet sind. Das kann zunächst auch nur die Anbindung einer einzigen Maschine sein.

Erzielt man dadurch ein bisschen mehr Umsatz, kann das die Inspiration für einen größeren Schritt sein – beispielsweise die Integra­tion mit weiteren Datenstreams wie Wettervorhersagen oder Temperaturänderungen, die es erlauben, die Leistung einer Maschine weiter zu optimieren.
So wird durch zunehmende Vernetzung Schritt für Schritt die Fabrik von morgen entstehen, in der ERP-Lösungen mithilfe Künstlicher Intelligenz und Algorithmen sich selbst planende und steuernde Systeme unterstützen. Szenarien wie das folgende sind dann an der Tagesordnung: Zahlreiche Komponenten in einem Auto sammeln kontinuierlich Daten über ihren Zustand und können auf Basis dieser Informationen mitteilen, wann sie unter Umständen ausgetauscht werden müssen, noch bevor es zu einem möglichen Ausfall kommt.

Checkliste ERP-System in Industrie-4.0-Umgebungen

Das muss ein ERP-System für Industrie 4.0 mitbringen:
– Es lässt sich durch Konfiguration statt Modifikation flexibel an die veränderten Rahmenbedingungen anpassen.
– Es kann unterschiedlichste Datentypen verarbeiten, die von Sensoren und Geräten erzeugt werden.
– Zur Kommunikation mit den Ressourcen in der Fertigung kann es über offene Plug-and-Play-Schnittstellen unterschiedliche Produktionsleitsysteme anbinden.
– Leistungsfähige Multi- und Inter-Site-Funktionalitäten sorgen für die Steuerung des erweiterten Informationsflusses über sämtliche, auch internationale Standorte hinweg.
– Zur schnellen Anbindung neuer Partner bietet es offene und leicht konfigurierbare EDI-Schnittstellen sowie spezielle B2B-Portale.
– Um sich selbst organisierende Produktionseinheiten zu ermöglichen, unterstützt es durch Methoden wie Kanban eine hohe Automatisierung.
– Zur Echtzeit-Überwachung von Industrie-4.0-Prozessen führt es Daten und Prozesse aus mehreren Quellen in einem Enterprise-Operational-Intelligence-System zusammen.

Dazu sendet die betroffene Komponente selbstständig eine Mitteilung an den Hersteller, dass Ersatz gefertigt werden muss. In der Fabrik, in der dieser Auftrag bearbeitet wird, konfigurieren sich die Maschinen selbst so, dass das passende Teil gefertigt wird, und schicken es anschließend an den richtigen Zielort. Der Termin in der Werkstatt ist dann bereits vereinbart – denn auch darum hat sich das Auto bereits selbstständig gekümmert.

Kernaussagen

  • Um von den Big Data des Internet of Things wirklich profitieren zu können, reicht es nicht, die Daten nur zu sammeln und auszuwerten. Die Erkenntnisse müssen auch zu Aktionen führen, die die Geschäftsprozesse verbessern.
  • Diese Operationalisierung der IoT-Daten ist die Aufgabe von ERP-Systemen – denn sie steuern als Herzstück der Unternehmens-IT die Kernprozesse von Industrieunternehmen und sind damit auch für deren Optimierung zuständig.
  • Dazu sollte sich das ERP an IoT-Plattformen in der Cloud anbinden lassen. Sie bieten eine sehr gute Möglichkeit, die riesigen Datenmengen zu empfangen, zu filtern und an das ERP weiterzureichen, ohne dafür ein eigenes Rechenzentrum zu benötigen.

Der Text ist unter der Lizenz CC BY-SA 3.0 DE verfügbar.
Lizenzbestimmungen: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/


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Abteilung Marketing

Einfluss der Digitalisierung auf das Marketing

Silodenken sollte der Vergangenheit angehören. Alle Abteilungen müssen in der Zukunft weiter zusammenwachsen und abteilungsübergreifend miteinander agieren. Dies betrifft vor allem die IT und das Marketing, die oftmals noch nicht eng genug miteinander verzahnt sind. Dabei ist die IT der Hauptansprechpartner für das Marketing, wenn es sich um die Automatisierung von Analysen und Abläufen handelt.

Zum Beispiel kann das Marketing-Controlling auf vorhandene Marktforschungsdaten und weitere interne Datengrundlagen zurückgreifen. Diese Datengrundlagen nehmen in Umfang und Qualität mit der fortschreitenden IT-Unterstützung der Marketingprozesse zu.

Durch die Analysen der Daten aus BI, CRM, Big Data oder anderen Quellen sollen ebenso Handlungsempfehlungen für das Marketing entstehen. Insbesondere Big Data und die automatisierte Auswertbarkeit dieser bereits schon erhobenen Menge an Daten werden in der Zukunft somit eine größer werdende Rolle spielen. Durch Echtzeitanalyse und Anpassung der daraus entstehenden Empfehlung können personalisierte Marketingaktionen realisert werden.
Auswirkungen werden weiter verfolgt und analysiert, um nach und nach neue Vergleiche zu ziehen und Tendenzen erkennen zu können. Darüber hinaus wäre denkbar, dass selbstlernende Systeme eine Rolle spielen. Diese könnten selbstständig die Parameter einer alten Kampagne auf eine neue Kampagne projizieren. Besonders Datenschützer werden bei den fast schon gläsernen Verbrauchern immer stärker in Erscheinung treten, um diese zu schützen.

Im Bereich Online-Shopping wird der Einkauf über mobile Endgeräte wie Smartphones und Tablets weiter zunehmen und Anbieter müssen ihren Auftritt und ihre Angebote für Smartphones tauglich machen. Ziel sollte es sein, eine konsistente E-Business-Strategie zu verfolgen und Kunden über alle Kanäle hinweg langfristig an sich zu binden. Über neue Technologien wie z. B. das CRM, Big-Data-Analytics oder Social Analytics hat das Marketing die Möglichkeit, viele Daten über den Verbraucher zu erhalten. Denn es geht künftig vor allem darum, die Erwartungen des Kunden individuell zu erfüllen. In vielen Fällen fehlen jedoch die Expertise und Parameter, um diese sinnvoll oder effektiv zu interpretieren und zu verarbeiten. Damit ein Unternehmen von der Digitalisierung profitieren kann, muss eine passende Strategie entwickelt werden. Denn nur wenn Daten sinnvoll analysiert und genutzt werden und die IT mit dem Marketing verstärkt zusammenarbeitet, ent- und bestehen erfolgreiche Händler.

Heute stehen Unternehmen vor der Herausforderung, die häufig auch strukturell separierten Bereiche vernetzt zu steuern. Nicht zuletzt die Digitalisierung hat dazu beigetragen zu erkennen, dass Markenführung wesentlich mehr Bereiche als nur das Marketing betrifft. Wir befinden uns im Zeitalter des Kunden. Dies bedeutet: in Echtzeit zu wissen, was der Kunde will, individuelle Kundenwünsche zu erfüllen und das jederzeit über alle Kanäle hinweg. Dazu müssen nicht nur Prozesse und Reaktionszeiten beschleunigt werden, das gesamte Unternehmen muss sich digital transformieren. „Mach es dem Kunden leicht, dich zu erreichen.“ Vorhandene Daten sind in Wissen über die Kunden zu verwandeln und die Chancen der mobilen Ausrichtungen sind zu nutzen.

Multichannel heißt heute und in Zukunft die Multichannel-Perspektive auf Distributions- und Kommunikationskanäle. Die Herausforderung liegt in der zunehmenden Vernetzung aller digitalen und analogen Kanäle.

Unter den vier Instrumenten des Marketingmix (Produkt-, Preis-, Distributions- und Kommunikationspolitik) wird der marktgerichteten Unternehmenskommunikation zukünftig – neben dem Produkt – die größte Bedeutung beigemessen. Das Web 2.0 stellt viele Unternehmen vor eine neue Herausforderung. Kommunikation bedeutet nicht mehr nur das Aussenden von Informationen (unidirektionales Mitteilen) mit einer sehr eingeschränkten Perspektive auf gewünschte Reaktion (attraktiver finden, Bedürfnis entwickeln, kaufen), sondern die Kommunikation mit bidirektionalem Informationsaustausch. Hier gilt für Unternehmen, zuzuhören und zu lernen. Medien erfahren eine steigende Interaktivität durch diesen bidirektionalen Informationsaustausch. „Die Digitalisierung macht aus den Medien Dialogmedien.“ Social Communities, Internet-TV, interaktives Fernsehen, E-Magazines und viele mehr sind Kommunikationskanäle, die dank der Digitalisierung eine Dialogfunktion übernehmen. Die wichtigste Rolle wird in Zukunft der Mobile Commerce spielen. Unternehmen müssen sich darauf einstellen, smartphonefähige Plattformen zur Verfügung zu stellen. Denn der Einkauf über ein Smartphone auf einem nicht smartphoneoptimierten Webshop kann dazu führen, dass der Kauf abgebrochen wird. Die Statistik zeigt die Entwicklung der Nutzung von Smartphones oder Tablets für den mobilen Einkauf im Internet. Trotzdem haben es klassische Kaufhäuser immer schwerer und müssen sich etwas Neues einfallen lassen. So hat die Digitalisierung auch Einfluss auf Filialen in Innenstädten. Kunden können sich in der Umkleidekabine mit den anprobierten Kleidungsstücken oder mit durchtrainiertem Service-Personal fotografieren lassen und die Bilder direkt bei Facebook veröffentlichen. Auch hier steht, ähnlich wie bei der Produktpolitik, das Erlebnis mit der Marke und dem Produkt im Vordergrund.

Dies bedeutet, dass Unternehmen sich nicht nur auf einen Bereich konzentrieren sollten, sondern mehrere Kontaktpunkte bieten müssen. Die Verknüpfung zwischen analogem und digitalem Kanal bedeutet, dass Kunden zum Beispiel auf Online-Rabattaktionen zurückgreifen und damit im lokalen Ladengeschäft einkaufen gehen oder sich über das Schaufenster inspirieren lassen und online einkaufen. Die Chancen, mit digitalen Kanälen (Homepage, E-Mail, Suchmaschinen, Social Media etc.) seinen Bekanntheitsgrad zu steigern und in neue Märkte einzusteigen, sind groß, bergen aber auch Risiken. Der Einfluss der Digitalisierung auf den Bereich Marketing hat dazu geführt, dass Kunden durch verschiedene Technologie wie z. B. Social Media ein Sprachrohr erhalten und so einen Einfluss auf Unternehmen erlangen. Unternehmen haben mit Big-Data-Analysen und Social Analytics die Möglichkeit, auf Kundenwünsche schnell und individuell zu reagieren, können aber oftmals die Vielzahl an Daten nicht miteinander richtig verknüpfen und auswerten. Durch die Digitalisierung sind Unternehmen angebots- und preistransparent. Kunden haben dadurch eine stärkere Markposition, wodurch auch unkontrollierte Kommunikationseffekte (sog. „Shit-Storms“) entstehen können. Für viele Unternehmen ist der Hauptgrund, digitale Kanäle nicht zu nutzen, der Datenschutz. Unternehmen müssen besonders vertrauensvoll mit den Daten der Kunden umgehen, sodass zwar Erkenntnisse abgeleitet werden, aber kein Datenmissbrauch betrieben wird. Die digitalen Kanäle sind günstiger als die klassischen Marketingmedien, aber Kunden fühlen sich teilweise überrollt von Werbung. Kunden entwickeln und nutzen daher auch Technologien, um sich gegen diese Art des Marketing (Customer-Resistance) zu schützen. Verbraucher nutzen Pop-up-Blocker, um Werbung beim Surfen zu entgehen, oder filtern E-Mail-Newsletter über die Junk-Mail-Funktion. Bei einem Spielfilm geht der Kunde über zum zeitversetzten Fernsehen und überspringt so die Werbung. Einzelhändler zum Beispiel bieten eine App mit aktuellen Angeboten oder eine Einkaufsliste über das eigene Smartphone, um die Positionierung als sympathischer Discounter zu stützen. Die Erwartungshaltung des Kunden an eine Marke ist sowohl online als auch offline gleich. Ein Unternehmen sollte daher nicht nur digitale Kanäle nutzen, denn nicht alle Kunden sind online erreichbar.

Quelle und Textlizenz:
https://winfwiki.wi-fom.de/index.php/Einfluss_der_Digitalisierung_auf_das_Marketing; „Einfluss der Digitalisierung auf das Marketing“; Andre Kreutzer, Paulo Afonso, Björn Brade; FOM Hamburg

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