Auf Unbekanntes vorbereiten

Im Kontext von Datensicherheit bedeuten KI-Systeme zwangsläufig, dass Organisationen sich auf neuartige Bedrohungen einstellen müssen.

Prof. Dr. Jörn Müller-Quade erläuterte der TREND-REPORT-Redaktion das Forschungs­feld „Kryptographie und Sicher­­heit“ am KIT und mögliche künftige Bedrohungsszenarien im Kontext von KI.

Herr Prof. Müller-Quade, mit welchen Themen und Aufgaben beschäftigt sich Ihr Forschungsbereich?

Ich erforsche kryptographische Protokolle, etwa für Online-Banking oder Online-Wahlen. Für mich sind diese Verfahren wie kleine Wunder, weil scheinbar Unmögliches erreicht wird, so kann etwa die Korrektheit der Auszählung einer Online-Wahl nachgewiesen werden, ohne dass das Wahlgeheimnis verletzt wird. Neben dem Nutzen, den solche Verfahren in der IT-Sicherheit haben, finde ich sie auch für sich genommen faszinierend. Sogenannte Zero-Knowledge-Beweise können einen von einer Aussage überzeugen, ohne dabei aber mehr zu verraten als die Gültigkeit eben jener Aussage. Sichere Mehrparteienberechnungen erlauben es mehreren Teilnehmern gemeinsam, auf geheimen Eingaben der einzelnen Teilnehmer basierend ein Ergebnis verteilt zu berechnen – ohne dass ein Teil der Teilnehmer das Ergebnis manipulieren oder mehr erfahren kann als eben das Ergebnis. Wie man so etwas hinbekommt und wie man aus solchen mächtigen Bausteinen größere Anwendungen bauen kann, sind Grundfragen der kryptographischen Forschung.

Auf welche Gefahren und Szenarien im Kontext von KI-Technologien müssen wir uns einstellen?

KI-Systeme können Angreifer unterstützen, damit können beispielsweise Angriffe, die bisher mühsam von Menschen gemacht werden müssen, automatisiert werden, was zu einer enormen Zunahme solcher Angriffe führen wird. Konkret denke ich an „Spear Phishing“, also maßgeschneiderte Betrugs-E-Mails, die eine Schadsoftware enthalten, die aktiv wird, wenn man den Empfänger dazu verleitet, eine Datei oder einen Link anzuklicken. KI-Systeme entwickeln in manchen Bereichen übermenschliche Leistungen und könnten somit auch völlig neue Angriffe finden. KI-Systeme, wie sie in Zukunft in vielen Anwendungen stecken werden, können auch selbst angegriffen werden. Wenn man das Verhalten einer KI analysiert, kann man diese KI leicht täuschen, oder wenn man Trainingsdaten verfälscht, kann ein sehr unerwünschtes Verhalten der KI bewirkt werden. Ein Problem ist, dass wir KI-Systeme nicht gut verstehen, daher müssen wir KI-Systeme geschickt mit klassischen Systemen kombinieren, wir benötigen ein „KI-Engineering“.

Wie können schlaue Algorithmen und KI im Kontext der Cybersecurity zum Einsatz gebracht werden?

Angriffe lassen sich nicht 100-prozentig verhindern, daher ist auch die Angriffserkennung extrem wichtig. Insbesondere hier werden KI-Systeme enorm nützlich sein. Auch werden KI-Systeme bei Sicherheitstests helfen, etwa Systeme testweise angreifen, um die Systeme weiter zu härten. Dies ist beispielsweise denkbar für sogenannte Seitenkanalangriffe auf Hardware. Ist etwa der Stromverbrauch einer Berechnung korreliert mit geheimen Eingaben der Berechnung, könnten KI-Systeme dies in Zukunft besser erkennen als Menschen. Leider haben solche Ansätze einen Dual-Use-Charakter und könnten auch von Angreifern missbraucht werden, hier erwarte ich ein Hase-und-Igel-Wettrennen. KI-Systeme könnten den Datenschutz verbessern, ein Beispiel ist das NurseEYE-System, bei dem ein schlauer Algorithmus aus Video­daten Stürze von Patienten in einem Krankenhaus erkennt. Erst wenn ein Sturz erkannt wird, werden die hochaufgelösten Videodaten an das Klinikpersonal weitergegeben.

Was meinen Sie mit dem „systemischen Ansatz zur wirksameren Vorbeugung von Cyberangriffen“?

Wenn wir in Zukunft befürchten müssen, dass KI-Systeme oder Mensch-Maschine-Teams völlig neue Angriffe finden, wird es nicht genug sein, unsere IT-Systeme gegen bekannte Angriffe zu patchen. Wir müssen uns auf unbekannte Angriffe vorbereiten. Hier könnte die Kryptographie ein Vorbild sein. Dort gibt es die sogenannte beweisbare Sicherheit, dies ist leider eine sehr missverständliche Bezeichnung, denn die Sicherheit realer Systeme lässt sich nicht beweisen. Dennoch wird in einem mathematischen Modell nachgewiesen, dass jeder erfolgreiche Angriff vorher explizit angegebene Sicherheitsannahmen verletzt. Dieser Zugang berücksichtigt alle Angriffe, auch bisher unbekannte Angriffe, die sich im Modell darstellen lassen. Wird nun ein beweisbar sicheres Verfahren dennoch gebrochen, so ist entweder das Modell noch nicht nahe genug an der Realität oder eine Sicherheitsannahme ist falsch. Durch jeden erfolgreichen Angriff hat man einen Erkenntnisgewinn.

Inwieweit können die Blockchain-Technologien helfen, die IT sicherer zu machen, und welche Rolle spielt dabei die Kryptographie?

Die Blockchain ist ein gutes Beispiel dafür, wie kryptographische Verfahren scheinbar Unmögliches schaffen. So kann eine Blockchain die Basis für eine Währung sein, die ein gewisses Maß an Anonymität hat und obwohl sie überhaupt nicht mehr an stoffliche Artefakte gebunden ist, dennoch einen Wert hat. Neben der Blockchain gibt es aber noch viele andere kryptographische Verfahren, die manchmal sogar viel geeigneter sind, all die Probleme zu lösen, für die zurzeit die Blockchain vorgeschlagen wird. Prinzipiell kann man sich vorstellen, dass all die Aufgaben, für die zur Zeit ein vertrauenswürdiger Vermittler nötig ist, etwa ein Auktionator, ein Notar oder eine Bank, auch von verteilten kryptographischen Verfahren gelöst werden können.

Sichere Verschlüssungsverfahren? Was raten Sie an?

Bei Verschlüsselungsverfahren wird der Erfolg der Kryptographie besonders deutlich. Die Snowden-Enthüllungen haben gezeigt, dass selbst die NSA moderne Verschlüsselungsverfahren nicht brechen konnte und Hintertürchen benutzen musste. Wie KI-Systeme die IT-Sicherheit in Zukunft verändern werden, ist eine der Fragen, der die nationale Plattform Lernende Systeme nachgeht. Bei Verschlüsselungsverfahren bin ich aber optimistisch, dass keine Gefahr besteht. Trotzdem gibt es selbst hier noch Forschungsbedarf, etwa an Verfahren, die auch langfristig sicher bleiben, etwa, wenn Quantencomputer möglich werden. Die eigentliche Schwachstelle bei der sicheren Kommunikation sind die Endgeräte, mein Rat wäre also, verstärkt auch Endgerätesicherheit systematisch zu erforschen.

Kryptographie: Welche Chancen und Möglichkeiten bringt in diesem Kontext das Forschungsgebiet der „sicheren Mehrparteienberechnung“?

Sichere Mehrparteienberechnungen erlauben es mehreren sich gegenseitig misstrauenden Teilnehmern, gemeinsam etwas auszurechnen. Die geheimen Eingaben der Teilnehmer bleiben geschützt und das Ergebnis kann nicht manipuliert werden, selbst wenn einige der Teilnehmer beliebig vom Protokoll abweichen. Anwendungen hierfür wären etwa Berechnungen auf Medizindaten, die in verschiedenen Kliniken vorliegen, aber die Klinik nicht verlassen dürfen, oder automatisierte Verhandlungen, bei denen nichts bekannt wird, außer dem Geschäftsabschluss, wenn er zustande kommt. Auch denkbar ist, dass man mit diesem Paradigma sichere Systeme aus nicht vertrauenswürdigen Komponenten aufbaut und so digitale Souveränität erreichen könnte, ohne alles selber machen zu müssen. //


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